Freitag, 24. Oktober 2014

In eigener Sache ...

... das Sudelbuch ist jetzt auf Twitter. Habt keine Angst, folgt mir: hier.

ONE FOR THE MONEY

Vor einigen Tagen las ich, dass der Chef eines großen Ölkonzerns bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sein Privatflugzeug ist mit einem Schneepflug zusammen gekracht. Das ist genau der Grund, warum ich mein Privatflugzeug und meinen Schneepflug verkauft habe.


Ich, Monatsanfang.
Auf abstruse Weise beruhigt es mich, wenn reiche Menschen auch sterben. Das liegt daran, dass mir stets ein vernünftiger Umgang mit Geld ans Herz gelegt wurde. Die drohenden Konsequenzen wurden mit den Lebensjahren immer drastischer. Früher konnte ich mir am    Ende der Woche ob meiner Verschwendungssucht oft nur ein Kaktuseis leisten, während meine Freunde ein schwarz-glänzendes Magnum zur Schau trugen. Mittlerweile droht bei akuter Armut Verlust des Wohnsitzes und Schufa-Eintrag.
  Als Sechsjährige tappste ich zu meinem ersten Weltspartag. Meine Bank schenkte mir die Ausgabe des uncoolsten Comichefts der Welt, das KNAX. Eine Indoktrinierungsschrift, in der mir ein Grashüpfer erklärte, warum Sparbücher total trendy sind. Das überzeugte mich. Ich bekam ein Sparbuch. Darauf war eine lustige Biene gemalt, die mir mein Geld wegnehmen wollte. Ich fing an zu heulen und hege seitdem eine große Skepsis bei Finanzierungstipps von Insekten.
 Ich habe am Ende des Monats nie Geld, und am Anfang eigentlich auch nicht. Was erstaunlich ist, weil ich Geld eigentlich sehr gern mag. Ich kann sehr gut mit Geld umgehen, das heißt, ich kann es so ausgeben, dass ich Spaß daran habe. Geld macht glücklich, mich zumindest, weil ich mir davon Tabak, Ziegenkäse und Musikinstrumente kaufe. Trotzdem schlug man mir ob meiner chronischen Engpässe vor, meine Ausgaben zu notieren, Kassenzettel aufzubewahren. Ich war neugierig, wie man damit seine finanzielle Situation verbessern könnte und  bewahrte verblichene Kassenbons in einer alten Schuhschachtel auf. Zum Monatesende hin hatte ich viele Kassenzettel und war trotzdem pleite. Ratlos stierte ich in die Schuhschachtel und fragte mich, was ich eigentlich erwartet hatte. Seitdem lasse ich diese Spielchen. Es ist gar nicht so schlimm, sich Monat für Monat einige Tage von Spaghetti mit Rapsöl zu ernähren. Das formt den Charakter und macht bescheiden. Das ist wichtig. Wäre der Ölkonzern-Chef bescheiden gewesen und brav Bus gefahren, würde er noch leben. Ganz schön eigentlich.

Dienstag, 7. Oktober 2014

ICH BIN NEIDISCH

Heute bin ich vom Sonnenlicht aufgewacht und war neidisch auf Leute, die es schaffen, selbstständig eine Gardinenstange zu befestigen.

Andere Familien buchen All-Inkl. Urlaub. Meine übernachtet im Auto.
Neid ist für mich ein Lebensthema. Ich halte es mit Arthur Schnitzler, der immer seufzte: "Eigentlich müsste ich viel berühmter sein." Nur dass ich nicht Arthur Schnitzler bin.
Eine meiner einschneidensten Kindheitserinnerungen ist die Neuverfilmung von Emil und die Detektive. Während alle anderen Kinder Spaß im Kino hatten, warf ich heulend Popcorn auf die Leinwand. Weil ich neidisch auf Pony Hütchen war. Genauer: Auf die Schauspielerin von Pony Hütchen. Die durfte ein Horde Berliner Kids durch die Hauptstadt führen, abends Häppchen essen und die Schule schwänzen, ich war zum Leben im oberbayerischen Voralpenland verdammt.  Das erste Wort, dass ich gelernt habe war "auch". Ronja auch. Für mich ist die Definition von Liebe, dass ich der Person ihre Erfolge nicht neide. Einem wahren Freund stehe ich nicht in schlechten Zeiten bei, sondern wenn er an mir vorbeizieht.

Über Neid spricht man nicht. Neid ist ähnlich unglamourös wie ein Dammschnitt. Neid attestiert sofort Komplexe und menschliches Versagen. Der edle Mensch tut stattdessen etwas anderes: Er freut sich für den anderen. Er denkt sich zum Beispiel, toll, dass diese Julia Engelmann soviel Publikum erreicht und bei Markus Lanz eingeladen wird. So funktioniert das aber nicht. Weil Julia Engelmann unerträglich ist und ich ihren Erfolg als Beweis für die Unfairness des Lebens halte. Bei mir nimmt Neid schon so krankhafte Züge an, dass ich mir ausmale, wie ich mit 42 neidisch auf 22jährige sein werde. Ich bin 22. Nichts verrät mehr über meine Abgründe, als die Menschen auf die ich neidisch bin. Neulich las ich von einem 14jährigen, der in seiner Doktorarbeit über einen Bremsklotz aus Urknallmaterie nachdenkt. Ich gönne es ihm von ganzem Herzen. Ganz schlimm wird es, wenn ich erstaunlich gute Bücher von blutjungen Autoren lese. Neid, Neid, Neid.  Natürlich kann man sich Neid entziehen, die wichtigsten Quellen ausschalten: Sich von sozialen Netzwerken fernhalten, sich Freunde suchen, die in einem anderen Feld arbeiten. Aber das ist feige und ignorant. Vielleicht bin ich auch masochistisch veranlagt, denn im besten Fall zwingt Neid mich in Produktivität. Auch wenn dabei höchstens ein mediokrer Blogpost herausspringt (während andere usw)


Meine Freundin Luisa, seit einigen Wochen single. Das ist ihr Gesichtsausdruck, wenn sie glückliche Paare sieht.



Donnerstag, 18. September 2014

NACKTE, VERRÜCKTE FRAUEN VERFOLGEN MICH

Momentan begegnet mir immer wieder diese dicke, nackte Frau, die mich vehement zu überzeugen versucht, wie schön ich sei. Dabei lacht sie irre. Ich finde das unheimlich.
Die dicke ü-40 Nudistin hat offensichtlich viele Schwestern, die erfolgreich in den Medien arbeiten, für Dove modeln, für du-darfst Werbung machen, in Frauenzeitschriften umher turnen. Aus ominösen Gründen haben sie sich nur ein Lebensziel gesetzt: Sie wollen mir klar machen, dass ich schön bin. Danach gefragt habe ich sie nie.

... And you are a crazy-laughing, naked woman.
 Mich macht das ganz kirre. Ich meine, woher wissen die das? Lesen die mein Blog? Sitzen sie nachts mit einem Opernglas auf dem Dach gegenüber und beobachten mich? Und warum um Gottes Willen ziehen sie nicht mal was über?
Aber mit den dicken Frauen lässt sich nicht streiten. Wenn man zum Beispiel vorsichtig einwendet: "Ich wiege 250 Kilo, habe schwere Schuppenflechte und generell ist es mir ziemlich schnuppe, ob mich mir unbekannte Nudistinnen attraktiv finden", antworten die dicken Frauen einfach:
"Na und? Schönheit definiert sich durch die inneren Werte!"
Vorsichtig wende ich ein: "Aber ihr kennt mich doch überhaupt nicht?"
Sie fauchen zurück: "Uns scheißegal, du bist schön, weil du einzigartig bist!"
Ich bleibe skeptisch: "Ist das nicht jeder? Nehmen wir Hitler ... "
"Ja", sagen die dicken Frauen dann, "aber der zählt nicht. Der war ja ein Mann. Für die gilt das nicht."
Und dann lachen die dicken Frauen verrückt und verkloppen ein paar Schönheitschirugen. Ich habe mittlerweile resigniert und bedanke mich einfach. Ein Kompliment ist ja erstmal ein Kompliment. Ob nun von Brüderle, oder ein paar irren Nackten, man ist ja nicht undankbar.


Mittwoch, 20. August 2014

ICH BIN UNGLÜCKLICH

Ich bin unglücklich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich im Nachbarhaus einen fetten Typen mit Halbglatze, der sich seit gut zwanzig Minunten vergeblich einen runterholt.  Im Innenhof beschimpfen sich drei Männer auf türkisch, vielleicht brüllen sie aber auch  "ICH HAB DICH ECHT GERN, BRUDER!" und "EY, ICH DICH ERST" - so genau weiß ich das nicht, ich kann kein türkisch.
Es regnet, Travis fragt warum. Ich bin unglücklich. Ihr dürft nicht fragen warum, höchstens warum nicht. Es ist ein sehr guter Tag, um unglücklich zu sein. Ich verpasse nichts. Ich sollte glücklich sein, an so einem langweiligen Tag unglücklich zu sein. An unglücklichen Tagen kann man nämlich auch Glück haben. Zum Beispiel, wenn der Tabak zur Neige geht. Dann hat man nämlich einen Grund, vor die Haustür zu gehen. Das ist gut, denn die meisten guten Dinge passieren vor der Haustür, außer man wohnt in Syrien.
Angemessen unglücklich zu sein ist sehr schwierig. Man braucht viel Übung damit. Profis nutzen unglückliche Tage, um  den Kleiderschrank auszumisten und unter der Küchenzeile zu wischen. Anfänger tippen bei google Bin ich depressiv? ein. Danach rufen sie ihre Freunde an und jammern. Das ist überhaupt ein großes Missverständnis: Unglücklichsein ist noch lange keine Entschuldigung fürs Jammern. Unglücklich sein ist eine Entschuldigung, um unglücklich zu sein. Außerdem muss man nicht duschen.
Ich nutze unglückliche Tage, um mit Leidenschaft zu hassen. Dazu kommt man sonst so selten. Ich sitze zum Beispiel an meinem Küchentisch und hasse ihn. Danach kommt die Küche dran, dann die Wohnung. Scheiß Deutschland. Bis zur totalen Misanthropie brauche ich fast den ganzen Nachmittag. Währenddessen rauche ich viele Zigaretten und ärger mich darüber, dass alles nach Rauch riecht. Am Abend retuschiere ich noch alle meine Bilder in schwarz-weiß und gehe erschöpft, aber unglücklich ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich noch ein bisschen an unheilbare Krankheiten und schaue eine Doku über verhungernde Kinder in Afrika. Es war kein schöner Tag.