Dienstag, 7. Oktober 2014

ICH BIN NEIDISCH

Heute bin ich vom Sonnenlicht aufgewacht und war neidisch auf Leute, die es schaffen, selbstständig eine Gardinenstange zu befestigen.

Andere Familien buchen All-Inkl. Urlaub. Meine übernachtet im Auto.
Neid ist für mich ein Lebensthema. Ich halte es mit Arthur Schnitzler, der immer seufzte: "Eigentlich müsste ich viel berühmter sein." Nur dass ich nicht Arthur Schnitzler bin.
Eine meiner einschneidensten Kindheitserinnerungen ist die Neuverfilmung von Emil und die Detektive. Während alle anderen Kinder Spaß im Kino hatten, warf ich heulend Popcorn auf die Leinwand. Weil ich neidisch auf Pony Hütchen war. Genauer: Auf die Schauspielerin von Pony Hütchen. Die durfte ein Horde Berliner Kids durch die Hauptstadt führen, abends Häppchen essen und die Schule schwänzen, ich war zum Leben im oberbayerischen Voralpenland verdammt.  Das erste Wort, dass ich gelernt habe war "auch". Ronja auch. Für mich ist die Definition von Liebe, dass ich der Person ihre Erfolge nicht neide. Einem wahren Freund stehe ich nicht in schlechten Zeiten bei, sondern wenn er an mir vorbeizieht.

Über Neid spricht man nicht. Neid ist ähnlich unglamourös wie ein Dammschnitt. Neid attestiert sofort Komplexe und menschliches Versagen. Der edle Mensch tut stattdessen etwas anderes: Er freut sich für den anderen. Er denkt sich zum Beispiel, toll, dass diese Julia Engelmann soviel Publikum erreicht und bei Markus Lanz eingeladen wird. So funktioniert das aber nicht. Weil Julia Engelmann unerträglich ist und ich ihren Erfolg als Beweis für die Unfairness des Lebens halte. Bei mir nimmt Neid schon so krankhafte Züge an, dass ich mir ausmale, wie ich mit 42 neidisch auf 22jährige sein werde. Ich bin 22. Nichts verrät mehr über meine Abgründe, als die Menschen auf die ich neidisch bin. Neulich las ich von einem 14jährigen, der in seiner Doktorarbeit über einen Bremsklotz aus Urknallmaterie nachdenkt. Ich gönne es ihm von ganzem Herzen. Ganz schlimm wird es, wenn ich erstaunlich gute Bücher von blutjungen Autoren lese. Neid, Neid, Neid.  Natürlich kann man sich Neid entziehen, die wichtigsten Quellen ausschalten: Sich von sozialen Netzwerken fernhalten, sich Freunde suchen, die in einem anderen Feld arbeiten. Aber das ist feige und ignorant. Vielleicht bin ich auch masochistisch veranlagt, denn im besten Fall zwingt Neid mich in Produktivität. Auch wenn dabei höchstens ein mediokrer Blogpost herausspringt (während andere usw)


Meine Freundin Luisa, seit einigen Wochen single. Das ist ihr Gesichtsausdruck, wenn sie glückliche Paare sieht.



Donnerstag, 18. September 2014

NACKTE, VERRÜCKTE FRAUEN VERFOLGEN MICH

Momentan begegnet mir immer wieder diese dicke, nackte Frau, die mich vehement zu überzeugen versucht, wie schön ich sei. Dabei lacht sie irre. Ich finde das unheimlich.
Die dicke ü-40 Nudistin hat offensichtlich viele Schwestern, die erfolgreich in den Medien arbeiten, für Dove modeln, für du-darfst Werbung machen, in Frauenzeitschriften umher turnen. Aus ominösen Gründen haben sie sich nur ein Lebensziel gesetzt: Sie wollen mir klar machen, dass ich schön bin. Danach gefragt habe ich sie nie.

... And you are a crazy-laughing, naked woman.
 Mich macht das ganz kirre. Ich meine, woher wissen die das? Lesen die mein Blog? Sitzen sie nachts mit einem Opernglas auf dem Dach gegenüber und beobachten mich? Und warum um Gottes Willen ziehen sie nicht mal was über?
Aber mit den dicken Frauen lässt sich nicht streiten. Wenn man zum Beispiel vorsichtig einwendet: "Ich wiege 250 Kilo, habe schwere Schuppenflechte und generell ist es mir ziemlich schnuppe, ob mich mir unbekannte Nudistinnen attraktiv finden", antworten die dicken Frauen einfach:
"Na und? Schönheit definiert sich durch die inneren Werte!"
Vorsichtig wende ich ein: "Aber ihr kennt mich doch überhaupt nicht?"
Sie fauchen zurück: "Uns scheißegal, du bist schön, weil du einzigartig bist!"
Ich bleibe skeptisch: "Ist das nicht jeder? Nehmen wir Hitler ... "
"Ja", sagen die dicken Frauen dann, "aber der zählt nicht. Der war ja ein Mann. Für die gilt das nicht."
Und dann lachen die dicken Frauen verrückt und verkloppen ein paar Schönheitschirugen. Ich habe mittlerweile resigniert und bedanke mich einfach. Ein Kompliment ist ja erstmal ein Kompliment. Ob nun von Brüderle, oder ein paar irren Nackten, man ist ja nicht undankbar.


Mittwoch, 20. August 2014

ICH BIN UNGLÜCKLICH

Ich bin unglücklich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich im Nachbarhaus einen fetten Typen mit Halbglatze, der sich seit gut zwanzig Minunten vergeblich einen runterholt.  Im Innenhof beschimpfen sich drei Männer auf türkisch, vielleicht brüllen sie aber auch  "ICH HAB DICH ECHT GERN, BRUDER!" und "EY, ICH DICH ERST" - so genau weiß ich das nicht, ich kann kein türkisch.
Es regnet, Travis fragt warum. Ich bin unglücklich. Ihr dürft nicht fragen warum, höchstens warum nicht. Es ist ein sehr guter Tag, um unglücklich zu sein. Ich verpasse nichts. Ich sollte glücklich sein, an so einem langweiligen Tag unglücklich zu sein. An unglücklichen Tagen kann man nämlich auch Glück haben. Zum Beispiel, wenn der Tabak zur Neige geht. Dann hat man nämlich einen Grund, vor die Haustür zu gehen. Das ist gut, denn die meisten guten Dinge passieren vor der Haustür, außer man wohnt in Syrien.
Angemessen unglücklich zu sein ist sehr schwierig. Man braucht viel Übung damit. Profis nutzen unglückliche Tage, um  den Kleiderschrank auszumisten und unter der Küchenzeile zu wischen. Anfänger tippen bei google Bin ich depressiv? ein. Danach rufen sie ihre Freunde an und jammern. Das ist überhaupt ein großes Missverständnis: Unglücklichsein ist noch lange keine Entschuldigung fürs Jammern. Unglücklich sein ist eine Entschuldigung, um unglücklich zu sein. Außerdem muss man nicht duschen.
Ich nutze unglückliche Tage, um mit Leidenschaft zu hassen. Dazu kommt man sonst so selten. Ich sitze zum Beispiel an meinem Küchentisch und hasse ihn. Danach kommt die Küche dran, dann die Wohnung. Scheiß Deutschland. Bis zur totalen Misanthropie brauche ich fast den ganzen Nachmittag. Währenddessen rauche ich viele Zigaretten und ärger mich darüber, dass alles nach Rauch riecht. Am Abend retuschiere ich noch alle meine Bilder in schwarz-weiß und gehe erschöpft, aber unglücklich ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich noch ein bisschen an unheilbare Krankheiten und schaue eine Doku über verhungernde Kinder in Afrika. Es war kein schöner Tag.



Donnerstag, 31. Juli 2014

CONNI HAT AIDS

Kennt ihr Conni? Sie ist die blonde Heldin einer Buchreihe. Conni ist brav, schlau, immer gut gelaunt. Ich hasse Conni. Conni war immer genau so alt wie ich gerade und konnte alles.

  Die Buchtitel sind schriftgewordene Minderwertigkeitskomplexe für die zarte Kinderseele: Conni lernt reiten. Conni lernt schwimmen. Conni lernt singen. Conni rettet Oma. Conni lernt backen. Außerdem geht Conni gerne in die Schule, gerne zum Zahnarzt, gerne wandern. Später hatte Conni einen Austauschschüler und eine beste Freundin. Das schlimmste, was Conni jemals passiert ist: Sie weiß nicht, von wem der an sie adressierte Liebesbrief stammt.
Conni konnte alles, und was sie nicht konnte, hat sie gelernt. Das schlimmste war: Sie hatte immer Spaß.  Bei allem. Ewiglächelnd und unbesiegbar ist Conni ein blonder, hämischer Schatten, der sich über meine Kindheit gelegt hat, eine Steilvorlage für frühkindliche Depression.



Conni lernte schwimmen
, mich brachte
eine Qualle ins Krankenhaus. Conni lernte Ballett, ich  
wurde aus dem Fußballverein gekickt. Conni hatte ihren ersten Freund, ich nur Liebeskummer. Conni bekam ein Fohlen, ich Urzeitkrebse, die in trübem Wasser vor sich hin starben. Conni ging nicht mit Fremden mit, meine Eltern steckten mich mit sechs alleine in die Bahn.
Mittlerweile ist Conni wohl Anfang 20, wie ich. Manchmal frage ich mich, wie es ihr heute ergeht. Man weiß ja, wie das mit den Kindern von dermaßen überambitionierten Eltern endet. Wenn Connis Autorin nicht bald von Amy Winehouses Vater lernt, liegen in deutschen Buchhandlungen wohl bald folgende Titel: Conni spritzt jetzt Heroin, Conni vergisst zu verhüten, Conni ist jetzt Teeniemutter, Conni und die Arbeitslosigkeit, Conni beerdigt ihre Eltern, Conni läuft Amok.Ein bisschen wünsche ich es ihr. Denn natürlich wird Conni, wie immer, daraus lernen.


(An den Bildvorlagen habe ich keine Rechte. Wenn vom Verlag jetzt noch eine Anzeige kommt, hat Conni mir auch noch mein Erwachsenenleben versaut. Bitte um Verständnis, vielleicht arbeiten wir ja mal zusammen, lieber Carlsen-Verlag. Dank an Luisa für die großartige Bildbearbeitung)


Samstag, 12. Juli 2014

Ich lese gerne böse Kommentare (vor)



Bloggen macht Spaß. Es macht vor allem Spaß, weil man direktes Feedback von seinen Lesern bekommt und nicht auf knitterige Leserbrief von noch verknitterten Lesern warten muss. Das hier sind meine Lieblingskommentare aus zwei Jahren Sudelbuch. Für das Video danke ich auch den Statisten Basilikum und Franz Marc. Danke euch, auf mehr davon!