Freitag, 27. März 2015

VERSTÄNDNISLOSIGKEIT

Es gibt das Rewe-Radio. Das hört man, wenn man bei Rewe einkaufen geht. Dann sagt eine sympathische Frauenstimme etwa "Stellen Sie sich vor das Cerealien Regal und lassen Sie sich inspirieren!".

Ich stand sehr lange vor dem Cerealien Regal. Ich schaute ein Schokomüsli an. Das Schokomüsli sah stumpf zurück und knisterte irgendwann hämisch: "Ich knusper wenigstens. Was hast DU in deinem Leben erreicht?"
Ich zischte zurück: "Kann dir doch scheißegal sein. Immerhin bin ich kein Müsli, du Müsli."
Das Müsli sagte gar nichts mehr. Ich wartete noch einige Minuten. Eine Mutter zog eilig ihr Kind von mir fort.
"Du", flüsterte ich dem Knusper-Schokomüsli zu. "Ich hab es nicht so gemeint."
Das Müsli wackelte traurig mit den Kartonlaschen. "Es ist so trist hier", hörte ich es heiser rascheln, als ich mich schließlich zum Gehen wandte. 

Draußen dann Regen. "Wo ist all die gute Laune hin?" fragte ich mich. Ein Obdachloser blieb stehen, stirnrunzelte mich an: "Sie wissen schon, dass Sie diese Frage nur gedacht haben?"
"Ja, ja, natürlich", sagte ich.
"Nun", sagte der Obdachlose, "Dann kann ich Ihnen die Frage natürlich auch nicht beantworten."

Manchmal weiß einer was, aber man weiß nicht, dass der was weiß und bleibt ratlos. Das ist einerseits sehr schade, andererseits kann man ja auch nicht durch die Gegend laufen und ständig eine Frage vor sich her murmeln. Ich glaube, dafür hatte der Obdachlose Verständnis. Zumindest wirkte er sehr verständnisvoll, aber das unterstellt man Obdachlosen ja gerne.

Zuhause angekommen war der Tag noch lang. Ich sah mich in der Küche um. Sehr viele, sehr traurige Gegenstände, die noch nie ein Feedback von mir bekommen hatten. Ich nahm mir vor, jeden Gegenstand anzutippen und ihm meine ehrliche Meinung zu sagen. 
"Kühlschrank! Du bist absolut in Ordnung. Weiter so!"
"Alte Mandarinenschalen. Ihr wart nützlich mal, aber jetzt liegt ihr hier so schroff herum. Das wars."
"Reinigungszeug, du bist prima."

Es gibt sehr viele Gegenstände in meiner Küche. Der Tag ist aber auch noch sehr lang. Von dem Schokomüsli erzähle ich meinen Gegenständen lieber nichts. Wenn sie erfahren, dass ich mich mit Supermarktmüsli unterhalte, würden sie mich für verrückt erklären.

Das ist meine Familie.
Meinen Eltern war es wichtig, ihre Kinder schon früh zu deplatziert wirkenden Kreaturen zu formen. Für später. Damit wir mal deplatziert wirkende Erwachsene werden.


Freitag, 20. März 2015

10 Dinge, die man im Leben gemacht haben sollte

1. Man sollte sich sehr schnell von dem Gedanken verabschieden, dass Listen fremder Leute einen aus der Tristesse ziehen. Großer Quatsch, meine Liste bringt nur mir was, und zwar kein Lebensglück, sondern Klicks. Außerdem sollte man nicht mit Leuten befreundet sein, für die Klicks von phänomenaler Wichtigkeit sind.

Überhaupt ist ja gar nicht so wichtig, was man gemacht haben sollte, sondern was man lieber nicht machen sollte. Man sollte zum Beispiel kein Lebensmotto haben, außer vielleicht dieses: "Ich küsse lieber Menschen mit Ebola, als Leute mit Lebensmotto und ich werde sie dabei sehr grimmig ansehen, also die mit dem Motto, nicht die mit Ebola". Und dann sollte man allen, die sagen dass ein Lebensmotto aber knackiger formuliert sein muss, an einen Stuhl fest binden und James Joyce vorlesen.

10. Man sollte auch Leute mit Lebensmotto lieber nicht zu Partys einladen. Das sind nämlich immer die, die bei jeder Gelegenheit "SIEBEN JAHRE SCHLECHTER SEX!" kreischen. Wahrscheinlich ist das ihr Lebensmotto.
Was sollte man sonst noch unterlassen? Männer sollten sich nicht ständig mit einem Hammer zwischen die Beine schlagen. Auf Dauer kann es zu Potenzproblemen kommen. Druckern sollte man nicht vertrauen, Menschen noch weniger. Ansonsten sollte man an einem so possierlichen Sonnentag lieber nicht in seinen Bildschirm gucken und Blogposts lesen, sondern euphorisch im Matsch spielen. Das macht glücklicher, und dem Matsch ist auch egal, ob man ein Lebensmotto hat.



Die Wolke ist sehr froh, dass sie nicht ständig Listen im Internet liest.. Sie strahlt richtig. Ihre Puffeligkeit und gesunde Farbe kommt daher, dass sie so oft an der frischen Luft ist. "Ich bin mehr so der Outdoor-Typ", sagt sie oft.

Sonntag, 15. März 2015

NO HARD FEELINGS

Es braucht eine sanfte Revolution. Liebe soll nicht mehr Liebe heißen, sondern "vage Zuversicht". Damit entspricht endlich das Vokabular der Tatsache. Ein Update des Sprachduktus ist ebenfalls vonnöten.

"Wölfchen", könnte Claire sagen, "Wölfchen, ich hege da eine noch nicht vollständig durchdachte, vage Zuversicht, die sich aber durchaus später als Luftipuff entlarven kann. Dann werde ich häufig weinen, aber in meiner jetzigen Verfassung möchte ich dies unter Vorbehalt in Kauf nehmen".
Und was würde Wölfchen dazu sagen? Wölfchen würde natürlich sagen: "Claire".

Fragen gehören nicht mehr mit "ja" und "nein" beantwortet, sondern mit "eher ja" und "Tendenz zu nein". So richtig weiß ja eh niemand was. Willkommen sind auch körperliche Äußerungen. Sanfte Berührungen an der Schulter, ein fast zufällig wirkendes Zwinkern zum richtigen Zeitpunkt.
All das Falschmachen, all die Hollywoodfarce wird so aus romantischen Beziehungen einfach und effizient herausgekürzt.
Man einigt sich auf eine "eher monogame Beziehung", auf "eher Thai als Italienisch heute Abend" auf "eher langfristig als kurzfristig". Dieses all inclusive Paket (eine Zusammenarbeit mit Rosetta Stone ist geplant) ist eine Prophylaxe gegen künftige Enttäuschungen, auch radiert es sämtliche Romantik aus der Liebelei, denn Romantik macht ja bekanntlich auf lange Sicht dumm und suizidal und aus leichten Mädchen dicke Mütter. Die moderne Beziehung wird generalüberholt.
Es wird mehr geseufzt und weniger versprochen, denn im Prinzip unterliegt ja beides einer vorausgegangenen Unzufriedenheit. Seufzt man aber nur, muss man später nicht Schmuck kaufen oder IKEA Möbel mit blöden Namen für den Partner zusammenschrauben. Endet die Liebschaft, werden auch die Trennungsgespräche der Realität angepasst:

"Wölfchen, ich bin ganz außer mir. Ich werde jetzt aus der Wohnung stürmen und hoffen, dass du mich spätestens, wenn ich die Türklinke berühre zurückrufst. Tust du das nicht, werde ich noch sehr entschieden mit zusammengezogenen Augenbrauen im Flur warten, um dann recht aufgebracht zuhause grünen Tee zuzubereiten, den ich in sehr hektischen Schlücken trinken werde. Willst du das wirklich?"
"Claire-"
"Hernach können wir uns aufgebrachte Kurznachrichten schicken. Aber ich warne dich: Ich habe Emojis. Und ich werde sie nutzen."
"Aber Claire, doch nicht etwa den wütenden, gelben Kopf."
"Doch, Wölfchen. Vielleicht lasse ich mich sogar einmal zum wütenden, roten Kopf hinreißen"
"Ach Clairchen, das möchte ich nicht. Lass uns lieber einander sanft am Arm berühren".

So wird die optimierte Beziehung aussehen. Emojis und ihre Urväter, die Emotionen (fragt eure Großeltern) sind ein Relikt der alten Zeit. Ich habe die Zukunft gesehen. Und sie wird sein.

Freuen sich über ihr optimiertes Liebesleben: Junge Menschen

Sonntag, 8. März 2015

Ich habe heute nur selbstmitleidigen Unsinn mitzuteilen. Wer klickt, ist selbst Schuld.

Ich packe ein Twix aus. Das geht gut. Was anderes geht heute nicht. Spätburgunder passt gut zu Abendessen mit Freunden, Schokoriegel sind raffinierte Begleiter für selbstmitleidige Sonntagnachmittage. So Tage, an denen man "how to be happy" bei youtube eingibt (und seine Entscheidung Sekunden später tief bereut).
So Tage, an denen man sich fragt, was eigentlich nicht stimmt mit den Leuten, die Dinge auf die Reihe kriegen. Alles Psychopathen. Die Vernünftigen bleiben drinnen und lassen sich von der Frühlingssonne beim depressiven Frühabendschlaf stören, weil sie nicht die Energie aufbringen, endlich mal Gardinenstangen zu befestigen. Die wirklich Irren veranstalten in der Zwischenzeit einen Brunch für ihren interessanten Freundeskreis.

Aber ich jammere auf hohem Niveau. Ich könnte auch auf niedrigem Niveau jammern, aber dann müsste ich mich eines vulgären Vokabulars bedienen, und dann zeigen Suchmaschinen nicht mehr mein Blog an, und dann liest am Ende keiner mehr, auf welch wunderbar niedrigem Niveau ich zu jammern im Stande bin. Und dann wäre ich ja noch unzufriedener.

"Unzufriedenheit ist immer die Diskrepanz zwischen mir und dem Leben was ich führe", ich beiße von meinem Twix ab, "Aber vielleicht sollte ich mir besser selbst solche Aphorismen überlegen, anstatt mittelmäßige Tweets in meinem Blog zu rezitieren".
Drinnen macht nicht glücklich, ich sollte raus gehen. Dabei ist draußen nun wirklich kein Gute-Laune-Garant, fragt mal einen Obdachlosen. Draußen und drinnen sind generell zu wenig Optionen. Sonntagnachmittage sind wirklich genauso ein Vorhof zur Hölle wie die Tage von Montag bis Samstag. Heute ist sehr unklar. Die Sonne scheint, und diesmal hat die Überschrift gehalten, was sie versprochen hat. Es und ich tut mir Leid.



So sieht man übrigens nicht aus, wenn man unglücklich ist. So sehe ich aus, wenn ich ein Bild mache, das ich vielleicht mal für einen unglücklichen Blogpost verwenden könnte. Wenn ich unglücklich bin, sehe ich nicht adrett und melancholisch aus, sondern verzweifelt mit panisch-ungewaschenem Haar.

Freitag, 27. Februar 2015

EIN INTERVIEW MIT MIR VON MIR oder #DieGanzeWahrheit

 Ich muss ein Buch schreiben. Ich muss seriösen Journalismus betreiben. Ich muss bloggen. Einfach ist es nicht. Hier ein Interview der drei schillernden Persönlichkeiten.


WELT - Journalistin: Hm, ja, also, schön Sie kennen zu lernen, Frau von Rönne-

BLOGGERIN:
Ach, nennen Sie mich Ronja, Sie Knalltüte. Ich bin ein crazyjunges Bloggergirl, da muss man nicht so förmlich sein. (raucht Bong)

WELT - Journalistin (versucht relaxed zu gucken und zündet sich eine Zigarette an)
: Ja, toll, nennen Sie mich doch einfach auch Ronja, sonst wird das alles so kompliziert. (notiert panisch) Also, erstmal zu ihrem Schreiben. Ist das wirklich alles so passiert? -

BLOGGERIN
: Ich schreibe nicht, ich blogge. (grinst frech, tippt auf ihrem Smartphone herum) Außerdem ist das eine bescheuerte Frage. Und "ihrem" schreibt man groß.

WELT - Journalistin: Ähm ja, also wenn ich ehrlich bin, ich bin nicht so gut in Interviews.

BLOGGERIN: Ich auch nicht. Wer interviewt hier eigentlich wen? Also, erstmal zu Ihrem Schreiben-

WELT - Journalistin: Ich schreibe nicht, ich habe Angst.

BLOGGERIN: Angst? Wie darf ich das verstehen?

WELT - Journalistin:
(äfft nach): "Angst? Wie darf ich das verstehen?"

BLOGGERIN: Hä? Was soll das denn?

WELT - Journalistin: Es tut mir Leid. Der Druck in der Redaktion. Wenn dieses Interview nicht gut wird, muss ich was anderes schreiben, und dann wird das wieder ein Text darüber, was mir gefällt, und was ich nicht so toll finde, völlig ohne Begründung warum, und dann wird mir wieder vorgeworfen, ich schreibe nur selbstreferenziell. Und dann lese ich wieder Leserkommentare, und dann heule ich, und dann rauche ich zu viel, und wasche mich nicht mehr und -Ich will doch so gerne seriösen Journalismus machen. (weint)

BLOGGERIN: Aaach, mach dir keinen Stress, ich schreib nur über mich, die Leute lieben das! Gonzojournalismus! Hashtag Gonzo! (trinkt lässig aus ihrem Flachmann)

WELT - Journalistin
: Aber finden Sie das ganze nicht ein wenig - narzisstisch? Immer nur ich, ich, ich - das interessiert die Leser da draußen doch überhaupt nicht.

BLOGGERIN: Die Leser da draußen sind mir scheißegal! Mein Blog, mein Block! (twittert letzteres noch schnell und lacht irre)

WELT - Journalistin: ... Ich beneide Sie etwas. Bei uns sind Klickzahlen sehr wichtig.

BLOGGERIN:
Ja, Klickzahlen sind mir auch wichtig. Aber ich mach das nicht über Inhalte. Ich schreibe einfach immer "Sex" in die Überschriften. Inhalte habe ich längst überwunden.

WELT - Journalistin: Aber, wenn es dann gar nicht um Sex geht, fühlen die Leser sich doch betrogen.

BLOGGERIN: Ne, meine Leser tun dann so, als finden Sie das "witzig" und "ironisch" und "clever". Was machen Sie denn für Klickzahlen?

WELT - Journalistin: Naja, manchmal hoffe ich einfach. Oder ich hab einfach pure Angst. Angst kann ja ein toller Motor sein. Manchmal schreibe ich auch "Bitte teilt diesen Beitrag", wenn ich meine Texte auf Facebook poste. Aber die wenigsten reagieren noch darauf ... (knotet Hände) ... Die Menschen sind kalt geworden.

ANGEHENDE BUCHAUTORIN: Könnt ihr beiden mal die Fresse halten? Ich schreib hier an meinem ersten Buch (wedelt panisch ein leeres Blatt) - das ist Literatur!

  BLOGGERIN (hämisch): Das ist ein leeres Blatt, du Opfer, Hashtag Opfer.

WELT - Journalistin: In der Form kann ich das aber nicht rezensieren. Viel zu wenig Inhalt. Am Ende schreibe ich dann nur wieder über mich. Das Buch bietet ja bisher keinen Stoff.

ANGEHENDE BUCHAUTORIN: Weil ihr beide mich nervt mit euren Hashtags und euren Klickzahlen und seriösen Journalismus! Ich brauche einen freien Kopf! L'Art pour l'Art!

WELT - Journalistin: Sie haben ganz Recht! Le journalisme pour le journalisme!

BLOGGERIN: (twittert): Le #blog pour le #blog!

Alle drei umarmen sich, die WELT Journalistin schlägt die Bloggerin fest auf den Hinterkopf, die Bloggerin zerkratzt der Buchautorin das Gesicht. Die Buchautorin küsst die beiden zum Abschied. Verwirrt gehen sie zusammen auseinander, was nicht heißt, dass sie fett werden.



Bloggerknoten, Seriöses Hemd, grenzdebiler Autorenblick. Die drei Hübschen in einem Bild. (Nicht im Bild)