Sonntag, 25. Januar 2015

ALLES IST SCHLIMM

Ich stehe in den Startlöchern für ein neues Leben, alles auf neu. Aber Startlöcher sind auch Löcher und wenig hilft. Neue Stadt, ein abgebrochenes Studium, schöne Aussicht und wenig Hoffnung. Viel zu viel ist viel zu gut. Berlin, Berlin, Hilfe.
Meine Hände zittern, ich denke an Zuhause, merke aufeinmal dass ich ein Zuhause hatte. Die große Stadt ist gierig, beißt zu, ich stolpere durch Mitte, man drückt mir ein Glas Wein in die Hand. Ich grinse, mein Bauch tut weh, ich entschuldige mich, laufe zu den Toiletten, natürlich in die falsche, weil Berlin gegendert ist und auf beiden Toilettentüren nur ein geschlechtsloser Smiley hängt, der mir hämisch Information verweigert.
Es ist egal, es ist zu spät, ich drängle mich an einem Werberegisseur vorbei, der sich eine Line auf dem Handtrockner legt, stürze in die Toilette, kralle mich an der Klobrille fest. Ich checke bei öffentlichen Toiletten immer zuerst, ob man im Notfall aus der Kabine klettern könnte. Ich vertraue den Schlössern nicht, beziehungsweise vertraue ich darauf, dass sie mich einschließen, aber nicht darauf, dass ich wieder raus komme.
Aus dieser hier kann man nicht rausklettern, die Kabinenwände sind zu hoch und zu glatt. Ich denke, gleich fängt es an hier zu brennen und niemand rennt auf die Toilette und überprüft, ob da noch ein panisches NeuMitteMädchen ihren Kopf in Keimen vergräbt. Aber vielleicht tut es doch einer, denke ich, einer mit Zivilcourage und ohne Coffee to Go und dann bin ich gerührt, dass es solche Menschen ja gibt, es gibt sie ja wirklich da draußen, und ich denke an meine eigenen Verfehlungen und daran, dass ich bei einem Feuer nie auf Toiletten nachschauen würde, ob da jemand festhängt, dass ich also generell ein schlechter Mensch bin. Mein Gewissen ist schlecht, ich will ein anderes. Ich will weinen, aber weinen funktioniert nicht, weil Weinen helfen würde. Also verlasse ich die Kabine, das Schloss öffnet sich ganz leicht, ich wasche mir mein Gesicht mit kaltem Wasser und Selbstachtung, ziehe meinen Lippenstift nach und gehe nach draußen.


Montag, 29. Dezember 2014

ALTE FREUNDE SIND DAS LETZTE

An Weihnachten trifft man alte Freunde wieder. Die meisten sind natürlich weder alt, noch Freunde, trotzdem umarmt man sich, ein bisschen länger als sonst, weil man so tut, als ob man es wirklich so meinen würde. Man lässt die Augen blitzen und strahlt: Gehts dir gut? Man erinnert sich mühsam an alte Insider, die nicht mehr zünden, aber man lacht trotzdem, denn sonst müsste man ja miteinander reden, und genau das will man nicht, sonst wären es ja keine alten, sondern echte Freunde.
Man hält sich gegenseitig auf dem Laufenden: Nein, ich rauch nicht mehr. Ja, ich wohne jetzt auch in Berlin. Nein, ich habe jetzt keinen Sex mehr mit Schimpansenbabys. Dann lacht man höflich und sagt: Oh, krass, wie hast du das denn geschafft mit dem Rauchen aufzuhören und schade, das Schimpansen-ficken hat dir doch früher so viel Spaß gemacht! Schon fühlt man sich wieder ein bisschen verbunden. Wie früher. Und kurz denkt man, dass früher vielleicht alles gar nicht so schlecht war, wie mein Psychiater behauptet.

Denn es gibt natürlich Gründe, warum diese Menschen alte und nicht aktuelle Freunde sind. Weil ich nicht mit Menschen befreundet sein will, die so eklige Dinge tun, wie mit Schimpansen zu schlafen oder change.org Links zu posten. Der wahre Grund, warum man so sehr strahlt, wenn man alte Freunde umarmt, liegt daran, dass man diese Fressen an den anderen 363 Tagen im Jahr nicht umarmen muss. Weihnachten ist die Zeit der Dankbarkeit. Ist Zeit der Aufarbeitung. Manchmal gibt es ja auch gute Neuigkeiten: Die Stufenschönste ist mittlerweile fett und der ehemalige Klassensprecher hat sich vor einen ICE 3 geworfen. Dann guckt man betroffen, sagt: Züge fand er früher schon immer toll und dreht sein Glas in den Händen, während man sich die zerfetzten Einzelteile dieses Arschlochs im Schnee glitzernd vorstellt. Blut auf Weiß. Schön. Weihnachtlich.
 Und weil ja Weihnachten ist, glaubt man auf einmal wieder ein bisschen an Gerechtigkeit. Und dann fängt es an, leise zu schneien.

Foto hat Luisa von mir gemacht. Danke, Luisa!



Samstag, 13. Dezember 2014

Ich schreibe ein Buch. Es ist schwierig und scheußlich.

Das ZEIT-Feuilleton sagt, wir jungen Schreiber haben nichts zu sagen und keine Inhalte. Ich finde, das ZEIT -Feuilleton hat Recht. Ich möchte trotzdem ein Buch schreiben, denn "Ronja von Rönne" ist ein so schöner Autorenname, dass es wirklich Verschwendung wäre, kein Buch zu schreiben.
Dieser Entschluss ist jetzt etwa ein halbes Jahr alt, einen Roman habe ich immer noch nicht, dafür aber eine Schreibroutine:

1. Ich sage Leuten, dass ich heute unbedingt schreiben muss
2. Ich gehe nach Hause, koche etwas und denke mir, dass ich unbedingt schreiben muss
3. Ich google Schreibblockade
4. Ich lache Autoren aus, die über Schreibblockaden schreiben
5. Ich kriege ein schlechtes Gewissen und denke mir: Schreib doch erstmal irgendwas.
6. Ich schreibe über Schreibblockaden
7. Ich reiße alle Geschenke meines Adventskalenders auf und esse panisch Marzipankartoffeln.

Ich weiß nicht, worüber ich schreiben soll. Ich finde es furchtbar schwierig, beim Schreiben Entscheidungen zu treffen. Andererseits will ich mir ja auch nicht mein Buch kaufen. Warum sollte ich dann bestimmen, um was es darin geht? Schließlich müssen Leser dafür Geld bezahlen, da wäre ein kleines bisschen Mitspracherecht nur fair.

Deswegen hier mein Aufruf: Schreibt mir eine Email (ronja.roenne@hotmail.de) oder einen Kommentar mit EUREN Vorschlägen. Es geht wirklich alles: Namen für Protagonisten, Handlungsvorschläge, thematische Ideen, Orte, Situationen, Worte, die ihr schön findet, Formideen.
Alles, was mir spontan gefällt, webe ich ein. Super Deal: Ich bekomme gratis tolle Ideen und Einfälle und ihr bekommt - nichts! Helft mir, ich bin so sehr am Ende, dass ich darüber blogge, wie sehr ich am Ende bin.

Das einzige Thema, das ich von vorne herein ausschließe ist "Idealismus in der Kunst".

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Für meinen Paketboten reise ich bis ans Ende der Welt, notfalls bis Salzgitter

Ich habe großen Ärger mit dem DHL. Beziehungsweise habe ich keinen Ärger, weil nicht mal der geliefert wird. Meine Kommunikation über den DHL läuft im besten Falle über niedliche, gelbe Zettel, auf denen steht, dass ich nicht zuhause war. Aber eigentlich steht da natürlich "Fick dich Ronja, ich weiß genau, dass du im zweiten Stock wohnst, kannste selbst zur Post laufen".
Es gibt seit einigen Jahren die Paketverfolgung. Ein praktisches Gadget, dass es einem ermöglicht, festzustellen, dass das georderte Paket sich nicht etwa auf dem Weg zur heimischen Adresse befindet, sondern in Salzgitter gelandet ist. Und weil der DHL partout nicht telefonisch mit mir kommunizieren will, schrieb ich einen Brief zurück. Der den DHL warschienlich nie erreichen wird. Findig sind sie ja, die Hunde.

Lieber DHL,
Die Paketverfolgung meldete mir, dass mein Paket mit der Sendungsnummer 943920423 derzeit in Salzgitter sei. Das ist ärgerlich, denn ich wohne in Hildesheim. Ein Umzug nach Salzgitter ist mir leider dezeit aus finanziellen und beruflichen Gründen nicht möglich. In der Paketverfolgung steht außerdem, dass das Paket nicht zugestellt worden konnte. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn ich war noch nie in Salzgitter und plane derzeit auch keinen Urlaub dahin. Aber vielleicht werde ich mal ein Gap Year dort verbringen, zumindest scheint dort der Paketdienst zu funktionieren. Vielleicht werde ich mich dort auf die Straße stellen und mir eine funktionierende Infrasturkur ansehen. Ich werde ein rotes Kleid tragen und vom Fenster aus den fleißigen Paketboten zuwinken. Ich werde mir Schuhe bestellen. Ich werde mir eine Waschmaschine bestellen. Ich werde mir Glück und schöne Männer bestellen. Und weil ich in Salzgitter wohne, wird alles geliefert werden. Nach meinem Gap Year werde ich natürlich traurig sein, mich sorgsam in ein Päkchen schnüren, um mich wieder nach Hildesheim zu schicken. Aber natürlich, natürlich werde ich niemals dort ankommen.
 Denn was nach Salzgitter geliefert wird, bleibt in Salzgitter. Bitte grüßt meine Familie von mir. Ich werde sie alle schmerzlich vermissen.
Herzlichen Gruß,
Ronja Larissa von Rönne


Und jetzt gehe ich baden. Denn ich habe ein Badesalz gefunden, dass all meine Probleme löst.



Sonntag, 23. November 2014

KEINE GNADE AM MORGEN

 Ich wache oft gegen vier Uhr morgens auf. Meistens, weil ich keine Luft bekomme. Um vier Uhr morgens eine Panikattacke zu bekommen ist sehr praktisch, denn sonst verpasst man nicht viel. Die Geschäfte haben geschlossen, die Exfreunde ihr Handy im Flugmodus.
Weil aber auch die schönste Panikattacke nicht für immer ist, will die Zeit bis zur Morgendämmerung genutzt werden. Also erledige ich, ganz die Generation Produktiv, all die Dinge, zu denen ich sonst so selten komme. Ich starre in mein finsteres Zimmer und denke über Mahngebühren nach, stelle mir den Tod vor und führe imaginäre Gespräche mit Menschen, die mir verhasst sind. Ich male mir die Zukunftsangst aus. Ich stelle mir vor, wie in meinem Kopf ein Tumor wächst. Spätestens, wenn die Sonne aufgeht, weiß ich, welche Fehlentscheidungen in meinem Leben mich zu dem gemacht haben, was ich heute nicht bin.
Unfair ist, dass nach dieser Tortur erst der Tag beginnt, das einzige, was vielleicht noch schlimmer ist als der Morgen. Grässlich viele Stunden warten grinsend darauf, genutzt zu werden. Weil es aber hell ist, und weil man in der Uni sitzt, und weil es starken Kaffee gibt, kann ich mich tagsüber sehr gut mit meinen moralischen Verfehlungen, meiner Unproduktivität und meinem destruktiven Lebensstil arrangieren.
Das Schöne ist, dass sich die Zeit von ganz allein verlebt. Ich muss gar nichts tun. Ich kann mit einer Scheibe Toast auf meinem Grabstein sitzen und warten. Aber weil ein Grabstein sehr unbequem ist, wache ich häufig nachts auf und muss darüber nachdenken, warum ich meine kurze Erdenzeit nicht sinnvoller genutzt habe. Alles ist sehr schlimm.


So seh ich morgens nicht aus. So seh ich aus, wenn ich ein Bild machen will, dass gut zu einem Blogpost passt, in dem ich erzähle, wie gut mir morgendliches Joggen tut.