Donnerstag, 31. Juli 2014

CONNI HAT AIDS

Kennt ihr Conni? Sie ist die blonde Heldin einer Buchreihe. Conni ist brav, schlau, immer gut gelaunt. Ich hasse Conni. Conni war immer genau so alt wie ich gerade und konnte alles.

  Die Buchtitel sind schriftgewordene Minderwertigkeitskomplexe für die zarte Kinderseele: Conni lernt reiten. Conni lernt schwimmen. Conni lernt singen. Conni rettet Oma. Conni lernt backen. Außerdem geht Conni gerne in die Schule, gerne zum Zahnarzt, gerne wandern. Später hatte Conni einen Austauschschüler und eine beste Freundin. Das schlimmste, was Conni jemals passiert ist: Sie weiß nicht, von wem der an sie adressierte Liebesbrief stammt.
Conni konnte alles, und was sie nicht konnte, hat sie gelernt. Das schlimmste war: Sie hatte immer Spaß.  Bei allem. Ewiglächelnd und unbesiegbar ist Conni ein blonder, hämischer Schatten, der sich über meine Kindheit gelegt hat, eine Steilvorlage für frühkindliche Depression.



Conni lernte schwimmen
, mich brachte
eine Qualle ins Krankenhaus. Conni lernte Ballett, ich  
wurde aus dem Fußballverein gekickt. Conni hatte ihren ersten Freund, ich nur Liebeskummer. Conni bekam ein Fohlen, ich Urzeitkrebse, die in trübem Wasser vor sich hin starben. Conni ging nicht mit Fremden mit, meine Eltern steckten mich mit sechs alleine in die Bahn.
Mittlerweile ist Conni wohl Anfang 20, wie ich. Manchmal frage ich mich, wie es ihr heute ergeht. Man weiß ja, wie das mit den Kindern von dermaßen überambitionierten Eltern endet. Wenn Connis Autorin nicht bald von Amy Winehouses Vater lernt, liegen in deutschen Buchhandlungen wohl bald folgende Titel: Conni spritzt jetzt Heroin, Conni vergisst zu verhüten, Conni ist jetzt Teeniemutter, Conni und die Arbeitslosigkeit, Conni beerdigt ihre Eltern, Conni läuft Amok.Ein bisschen wünsche ich es ihr. Denn natürlich wird Conni, wie immer, daraus lernen.


(An den Bildvorlagen habe ich keine Rechte. Wenn vom Verlag jetzt noch eine Anzeige kommt, hat Conni mir auch noch mein Erwachsenenleben versaut. Bitte um Verständnis, vielleicht arbeiten wir ja mal zusammen, lieber Carlsen-Verlag. Dank an Luisa für die großartige Bildbearbeitung)


Samstag, 12. Juli 2014

Ich lese gerne böse Kommentare (vor)



Bloggen macht Spaß. Es macht vor allem Spaß, weil man direktes Feedback von seinen Lesern bekommt und nicht auf knitterige Leserbrief von noch verknitterten Lesern warten muss. Das hier sind meine Lieblingskommentare aus zwei Jahren Sudelbuch. Für das Video danke ich auch den Statisten Besen und Kühlschrank. Danke euch, auf mehr davon!

Donnerstag, 10. Juli 2014

Der Rausch ist ein Dispokredit

Irgendeine Substanz hat gestern mein Ego in kleine, unappetitliche Häppchen zerlegt. Ich wache auf und mir ist schlecht, das klingt immer so harmlos, so nach Ausrede von den Dicken im Sportunterricht, aber wirkliche Übelkeit ist furchtbar. Die Hölle. 

 Ich liege weinerlich in einem Hotelbett, unbarmherzig bricht die Sonne herein. Jemand müsste die Vorhänge zu ziehen, aber in meinem jämmerlichen Zustand habe ich es gestern wohl nicht geschafft, mir so jemanden zu organisieren. Vom Bett aus komm ich nicht ans Fenster. Aufstehen unmöglich, ich greife nach dem Telefon am Nachttisch. Dass das Telefon da steht beruhigt mich, denn offensichtlich ist es genau deswegen dort, neben dem Bett, damit man im Liegen telefonieren kann, ich bin also nicht der einzige Mensch, dem es mal so schlecht ging,  irgendwie haben die verkaterten Gäste vor mir es hier auch wieder raus geschafft. Andererseits, vielleicht sind sie auch hier gestorben und man hat sie hier rausgetragen. Gott, sicher ist hier schon mal jemand gestorben. Ich rufe den Zimmerservice an. Würden sie bitte meine Vorhänge schließen, sage ich. Ist etwas nicht in Ordnung damit, fragt die weiche Stimme einer Rezeptionistin, die sicher ein sehr sauberes Kostüm trägt. Ich hauche sehr leise und sehr bedauernswert Es geht mir nicht so gut. Dann lasse ich den Hörer fallen. Zehn Minuten später ist immer noch keiner da, ich drücke mein Gesicht in die Decke, das ist viel zu heiß, aber sonst ist es viel zu hell. Ich muss besser schreiben, und mehr schreiben, damit ich mir Hotelzimmer leisten kann, wo dann sofort jemand kommt.
Der Radiowecker geht an, es läuft Bochum von Grönemeyer. Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater auf einem Konzert im Olympiastadion war, und dann denke ich daran, dass mein Vater altern und sterben wird, und dass ich das mitkriegen werde, und ich muss auch sterben, und überhaupt alle und dann ruft Grönemeyer
BOCHUM ich komm aus dir und ich fange an zu schluchzen, obwohl ich ja nicht mal in Bochum bin, sondern in Karlsruhe und dann geht die Tür auf und jemand schließt diskret meine Vorhänge und geht wieder.

Mittwoch, 25. Juni 2014

WARUM EURE FOOD-BILDER DRECK SIND


Surrend öffnet sich die Tür zum Edeka. Mein Blick ist auf das Handydisplay gesenkt, wie kleine, warme Tiere springen mich Fotos von selbstgemachtem Risotto und kaltem Gurkenschaumsüppchen an. Mit schlechtem Gewissen versuche ich, nicht völlig teilnahmslos am Gemüse vorbei zu gehen, lenke mich mit Onlinejournalismus ab. Selbst renommierte Zeitungen veröffentlichen aggressiv Rezeptvorschläge, man vermutet eine Zielgruppenumorientierung hin zur neuen Hausfrau, aber nein, Lachstatar ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein Mittzwanziger steht unschlüssig vor der Fischtheke, dabei sollte er an alten Autos herumschrauben. In der Midlifecrisis wird er sich kein Cabrio anschaffen, sondern gegen die Vergänglichkeit Seeteufel zerlegen, der deutsche Mann hat keine Scham mehr vor der Schürze, profiliert sich nicht mehr durch den Benz, sondern sein japanisches Tranchiermesser und alle finden diese Entwicklung sehr, sehr geil.

Man erinnere sich an Zeiten, in denen Kochen einzig der Nahrungsaufnahme diente. Gemüse schnippeln implizierte keinen meditativen Subtext, sondern war zeitaufwendig, danach alles dreckig, im schlimmsten Fall riskierte man Ärger mit dem veganen Mitbewohner, weil man sein Schnitzel auf seinem Thujabrettchen zersäbelt hatte. Nostalgisch denke man zurück an die Streits der Eltern, wer denn heute mit kochen dran sei. An Feiertagen ging man essen, nicht weil es auswärts besser schmeckte, sondern weil es fertig an den Tisch gebracht wurde. Kochen war Pflicht oder Berufswahl, aber nicht Lifestyle, Luxus nicht verpönt, sondern ein respektables Lebensziel.
backe pfannkuchen #sweet #sin #yum #haltdiefresse
Heute wird in der Freizeit des fonduesaturierten Bildungsbürgertums gebraten und geschäumt. Gekrönt wird die Zweifelhaftigkeit dieses Trends nur noch von der Perversion, dass nicht mehr der Geschmack des Endergebnisses zählt, sondern sein Wert von außen bemessen wird, im schlimmsten Fall von einer Community, die das Foto im Netz bewerten oder ignorieren kann. Bilder des eigenen Gesichts sind schnell als eitel entlarvt, und so werden Fotos des eigenen Gerichts mit einem Retrofilter gewürzt und zum Geigerzähler des sozialen Wertes. Diese Prozedur trägt den Namen Food Porn. Lasziv räkeln sich Zucchiniblüten zwischen Wildreis, Mädchenmünder werden bei dem Anblick feucht. Es gibt heute Menschen, die vom Fotografieren ihrer Mahlzeiten leben können.
Die Alibifunktion von Essen ist nicht das Problem, auch früher war Essen schon Tafelrunde und implizierte viel mehr als reine Nahrungsaufnahme. Heute aber wird das Konzept der Dinnerparty falsch verstanden. Einstmals diente Essen als Vorwand, um sich im Kreis von angenehmen Menschen in privater Atmosphäre gediegen und über die Maßen zu betrinken. Dinnerpartys rechtfertigten Exzess und Maßlosigkeit. Man rauchte dicke Zigarren, behauptete, diese seien auf den Schenkeln kubanischer Jungfrauen gerollt worden, baggerte seine Tischnachbarin an und dazu gab es eben was Anständiges zu essen. Anstandshalber lobte man den ersten Bissen und thematisierte die Mahlzeit dann nicht mehr.
Heute verschleiern junge Menschen, die sich in biedermeierlicher Verklemmtheit zum Kochen verabreden, die Tatsache, dass sie nichts zu verschleiern haben, dass ihre Angst vor Exzentrik und Ausschweifungen sie zu manierlichen Langweilern macht. Man trifft sich, freut sich, wenn das Lamm versalzen ist, verteilt dem Verunglimpften im Geiste fünf strafende Promi Dinner Punkte und tritt gegen 12 alleine den Heimweg an, denn das blasse Hobby Kochen ist verlässliches Verhütungsmittel. Meist sind die Zutaten hochwertiger als die Garderobe, aber keiner verurteilt das als Verschwendung, denn verbaler Vintage ist en vogue und dein Körper dein Tempel. Zersplittert in Identitäten, sich ihrer selbst völlig unsicher und mit dem head up in the cloud tritt der moderne Mensch den Rücktritt an, besinnt sich auf Wünsche, die erfüllbar und risikoarm sind. Rücksichtsvoll, vernünftig, völlig irrelevant tröpfelt unverbrauchte Adoleszenz einer Generation dahin, die weiß, dass sie nichts verändern wird und gegen ihre Unbedeutsamkeit ankocht. Die Siebziger waren LSD und freie Liebe, die Zehnerjahre Himbeerpüree und Feige. Biogemüse macht unangreifbar, essen mag jeder, und so wird der Hobbykoch im Gegensatz zum Origamifalter nicht belächelt, sondern respektiert.

Unsere Zukunft wird immer unübersichtlicher, also herrscht gemeinhin Resignation und Rückzug an den Herd. Dabei ist nicht Essen attraktiv, sondern essen, weil es von Lebenslust und Genussfähigkeit zeugt.
Es ist erst einige Wochen her, da habe ich hier an der Kasse einen Kerl angesprochen, in dessen Einkaufskorb weder Ziegenkäse noch Avocadocreme, sondern ein Tetrapak Rotwein und eine TK Pizza lagen. Wir haben uns für den gleichen Abend „zum Kochen“ verabredet. Erwartungsfroh hüpfte ich in mein unbequemes Spitzenhöschen und malte mir die Augen schwarz. Der Abend wurde eine Enttäuschung. Wir haben gekocht.


(Dieser Text stammt aus meiner Veröffentlichung in der Anthologie "Diapositive". Wer ein Exemplar a acht Euro will melde  sich: ronja.roenne@gmx.de)