Donnerstag, 18. September 2014

NACKTE, VERRÜCKTE FRAUEN VERFOLGEN MICH

Momentan begegnet mir immer wieder diese dicke, nackte Frau, die mich vehement zu überzeugen versucht, wie schön ich sei. Dabei lacht sie irre. Ich finde das unheimlich.
Die dicke ü-40 Nudistin hat offensichtlich viele Schwestern, die erfolgreich in den Medien arbeiten, für Dove modeln, für du-darfst Werbung machen, in Frauenzeitschriften umher turnen. Aus ominösen Gründen haben sie sich nur ein Lebensziel gesetzt: Sie wollen mir klar machen, dass ich schön bin. Danach gefragt habe ich sie nie.

... And you are a crazy-laughing, naked woman.
 Mich macht das ganz kirre. Ich meine, woher wissen die das? Lesen die mein Blog? Sitzen sie nachts mit einem Opernglas auf dem Dach gegenüber und beobachten mich? Und warum um Gottes Willen ziehen sie nicht mal was über?
Aber mit den dicken Frauen lässt sich nicht streiten. Wenn man zum Beispiel vorsichtig einwendet: "Ich wiege 250 Kilo, habe schwere Schuppenflechte und generell ist es mir ziemlich schnuppe, ob mich mir unbekannte Nudistinnen attraktiv finden", antworten die dicken Frauen einfach:
"Na und? Schönheit definiert sich durch die inneren Werte!"
Vorsichtig wende ich ein: "Aber ihr kennt mich doch überhaupt nicht?"
Sie fauchen zurück: "Uns scheißegal, du bist schön, weil du einzigartig bist!"
Ich bleibe skeptisch: "Ist das nicht jeder? Nehmen wir Hitler ... "
"Ja", sagen die dicken Frauen dann, "aber der zählt nicht. Der war ja ein Mann. Für die gilt das nicht."
Und dann lachen die dicken Frauen verrückt und verkloppen ein paar Schönheitschirugen. Ich habe mittlerweile resigniert und bedanke mich einfach. Ein Kompliment ist ja erstmal ein Kompliment. Ob nun von Brüderle, oder ein paar irren Nackten, man ist ja nicht undankbar.


Mittwoch, 20. August 2014

ICH BIN UNGLÜCKLICH

Ich bin unglücklich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich im Nachbarhaus einen fetten Typen mit Halbglatze, der sich seit gut zwanzig Minunten vergeblich einen runterholt.  Im Innenhof beschimpfen sich drei Männer auf türkisch, vielleicht brüllen sie aber auch  "ICH HAB DICH ECHT GERN, BRUDER!" und "EY, ICH DICH ERST" - so genau weiß ich das nicht, ich kann kein türkisch.
Es regnet, Travis fragt warum. Ich bin unglücklich. Ihr dürft nicht fragen warum, höchstens warum nicht. Es ist ein sehr guter Tag, um unglücklich zu sein. Ich verpasse nichts. Ich sollte glücklich sein, an so einem langweiligen Tag unglücklich zu sein. An unglücklichen Tagen kann man nämlich auch Glück haben. Zum Beispiel, wenn der Tabak zur Neige geht. Dann hat man nämlich einen Grund, vor die Haustür zu gehen. Das ist gut, denn die meisten guten Dinge passieren vor der Haustür, außer man wohnt in Syrien.
Angemessen unglücklich zu sein ist sehr schwierig. Man braucht viel Übung damit. Profis nutzen unglückliche Tage, um  den Kleiderschrank auszumisten und unter der Küchenzeile zu wischen. Anfänger tippen bei google Bin ich depressiv? ein. Danach rufen sie ihre Freunde an und jammern. Das ist überhaupt ein großes Missverständnis: Unglücklichsein ist noch lange keine Entschuldigung fürs Jammern. Unglücklich sein ist eine Entschuldigung, um unglücklich zu sein. Außerdem muss man nicht duschen.
Ich nutze unglückliche Tage, um mit Leidenschaft zu hassen. Dazu kommt man sonst so selten. Ich sitze zum Beispiel an meinem Küchentisch und hasse ihn. Danach kommt die Küche dran, dann die Wohnung. Scheiß Deutschland. Bis zur totalen Misanthropie brauche ich fast den ganzen Nachmittag. Währenddessen rauche ich viele Zigaretten und ärger mich darüber, dass alles nach Rauch riecht. Am Abend retuschiere ich noch alle meine Bilder in schwarz-weiß und gehe erschöpft, aber unglücklich ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich noch ein bisschen an unheilbare Krankheiten und schaue eine Doku über verhungernde Kinder in Afrika. Es war kein schöner Tag.



Donnerstag, 31. Juli 2014

CONNI HAT AIDS

Kennt ihr Conni? Sie ist die blonde Heldin einer Buchreihe. Conni ist brav, schlau, immer gut gelaunt. Ich hasse Conni. Conni war immer genau so alt wie ich gerade und konnte alles.

  Die Buchtitel sind schriftgewordene Minderwertigkeitskomplexe für die zarte Kinderseele: Conni lernt reiten. Conni lernt schwimmen. Conni lernt singen. Conni rettet Oma. Conni lernt backen. Außerdem geht Conni gerne in die Schule, gerne zum Zahnarzt, gerne wandern. Später hatte Conni einen Austauschschüler und eine beste Freundin. Das schlimmste, was Conni jemals passiert ist: Sie weiß nicht, von wem der an sie adressierte Liebesbrief stammt.
Conni konnte alles, und was sie nicht konnte, hat sie gelernt. Das schlimmste war: Sie hatte immer Spaß.  Bei allem. Ewiglächelnd und unbesiegbar ist Conni ein blonder, hämischer Schatten, der sich über meine Kindheit gelegt hat, eine Steilvorlage für frühkindliche Depression.



Conni lernte schwimmen
, mich brachte
eine Qualle ins Krankenhaus. Conni lernte Ballett, ich  
wurde aus dem Fußballverein gekickt. Conni hatte ihren ersten Freund, ich nur Liebeskummer. Conni bekam ein Fohlen, ich Urzeitkrebse, die in trübem Wasser vor sich hin starben. Conni ging nicht mit Fremden mit, meine Eltern steckten mich mit sechs alleine in die Bahn.
Mittlerweile ist Conni wohl Anfang 20, wie ich. Manchmal frage ich mich, wie es ihr heute ergeht. Man weiß ja, wie das mit den Kindern von dermaßen überambitionierten Eltern endet. Wenn Connis Autorin nicht bald von Amy Winehouses Vater lernt, liegen in deutschen Buchhandlungen wohl bald folgende Titel: Conni spritzt jetzt Heroin, Conni vergisst zu verhüten, Conni ist jetzt Teeniemutter, Conni und die Arbeitslosigkeit, Conni beerdigt ihre Eltern, Conni läuft Amok.Ein bisschen wünsche ich es ihr. Denn natürlich wird Conni, wie immer, daraus lernen.


(An den Bildvorlagen habe ich keine Rechte. Wenn vom Verlag jetzt noch eine Anzeige kommt, hat Conni mir auch noch mein Erwachsenenleben versaut. Bitte um Verständnis, vielleicht arbeiten wir ja mal zusammen, lieber Carlsen-Verlag. Dank an Luisa für die großartige Bildbearbeitung)


Samstag, 12. Juli 2014

Ich lese gerne böse Kommentare (vor)



Bloggen macht Spaß. Es macht vor allem Spaß, weil man direktes Feedback von seinen Lesern bekommt und nicht auf knitterige Leserbrief von noch verknitterten Lesern warten muss. Das hier sind meine Lieblingskommentare aus zwei Jahren Sudelbuch. Für das Video danke ich auch den Statisten Basilikum und Franz Marc. Danke euch, auf mehr davon!

Donnerstag, 10. Juli 2014

Der Rausch ist ein Dispokredit

Irgendeine Substanz hat gestern mein Ego in kleine, unappetitliche Häppchen zerlegt. Ich wache auf und mir ist schlecht, das klingt immer so harmlos, so nach Ausrede von den Dicken im Sportunterricht, aber wirkliche Übelkeit ist furchtbar. Die Hölle. 

 Ich liege weinerlich in einem Hotelbett, unbarmherzig bricht die Sonne herein. Jemand müsste die Vorhänge zu ziehen, aber in meinem jämmerlichen Zustand habe ich es gestern wohl nicht geschafft, mir so jemanden zu organisieren. Vom Bett aus komm ich nicht ans Fenster. Aufstehen unmöglich, ich greife nach dem Telefon am Nachttisch. Dass das Telefon da steht beruhigt mich, denn offensichtlich ist es genau deswegen dort, neben dem Bett, damit man im Liegen telefonieren kann, ich bin also nicht der einzige Mensch, dem es mal so schlecht ging,  irgendwie haben die verkaterten Gäste vor mir es hier auch wieder raus geschafft. Andererseits, vielleicht sind sie auch hier gestorben und man hat sie hier rausgetragen. Gott, sicher ist hier schon mal jemand gestorben. Ich rufe den Zimmerservice an. Würden sie bitte meine Vorhänge schließen, sage ich. Ist etwas nicht in Ordnung damit, fragt die weiche Stimme einer Rezeptionistin, die sicher ein sehr sauberes Kostüm trägt. Ich hauche sehr leise und sehr bedauernswert Es geht mir nicht so gut. Dann lasse ich den Hörer fallen. Zehn Minuten später ist immer noch keiner da, ich drücke mein Gesicht in die Decke, das ist viel zu heiß, aber sonst ist es viel zu hell. Ich muss besser schreiben, und mehr schreiben, damit ich mir Hotelzimmer leisten kann, wo dann sofort jemand kommt.
Der Radiowecker geht an, es läuft Bochum von Grönemeyer. Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater auf einem Konzert im Olympiastadion war, und dann denke ich daran, dass mein Vater altern und sterben wird, und dass ich das mitkriegen werde, und ich muss auch sterben, und überhaupt alle und dann ruft Grönemeyer
BOCHUM ich komm aus dir und ich fange an zu schluchzen, obwohl ich ja nicht mal in Bochum bin, sondern in Karlsruhe und dann geht die Tür auf und jemand schließt diskret meine Vorhänge und geht wieder.