Freitag, 19. August 2016

Warum Sie nicht die AfD wählen sollten

Es stehen Wahlen in Berlin an. Ich glaube, es sind die Landtagswahlen. 
Genau kann ich das nicht wissen, denn ich bin keine Berlinerin. Das liegt nicht an mir, ich habe alles getan, um Bürgerin dieser Stadt zu werden: Zeitig dafür gesorgt, hier geboren zu werden, eine hübsches Apartment in einem „In-Viertel“  angemietet (Ja, das schreibt man mit Anführungsstrichen, sehen Sie doch im Duden nach, aber so etwas besitzen sie wahrscheinlich gar nicht mehr, sie verlotterter E-Book-Konsument), und eine Liebschaft in ebendieser Stadt. 

Ich habe herausgefunden, was cold-brewed Coffee ist, und kann ohne Probleme folgenden Satz von mir geben: 
„Du, zwischen dem veganen Raw-Restaurant und dem Craft-Beer-Laden hat gestern ein Pop-Up-Store eröffnet, der genau den Adidas Stan Smith führt, der mir in meiner Sneakersammlung noch fehlt“. 
So etwas sagen Berliner häufig, und dann erstickt sie der Selbsthass, und schon müssen sie vor lauter Kummer sorgsam erwischte Tinderdates absagen. Dann rollen sie sich in ihrem Wohnzimmerteppich ein und stellen sich vor, sie seien ein Wrap. 

So habe ich mir mein Berlin-Leben vorgestellt, ich bin also top integriert und trotzdem kam es belang nicht dazu, dass ich Bürgerin dieser unserer Hauptstadt werden konnte. Geht ja momentan vielen so. Schuld ist das Einwohnermeldeamt. Um sich dort einen Ausweis mit einem schicken „Berlin“ drauf abzuholen, muss man einen Termin ausmachen. Die Termine macht man, kündigt mir die Website frech an, mittlerweile „online“, beziehungsweise, dort macht man keine Termine online, denn bis Herbst 2028 gibt es keine freien „Slots“ mehr, und wer weiß, ob bis dahin nicht wieder eine Mauer auf meinem Haus steht. 
Mauern bauen ist ja momentan sehr in, und die Geschichte wiederholt sich bekanntlich. Ich bin doch nicht bescheuert und hole mir für 2028 einen Termin, außerdem bin ich da schon mit einer Freundin verabredet. 

Ich habe die freche Website weggeklickt, und im Einwohnermeldeamt direkt angerufen, denn ich bin nicht dumm. Deren automatische Telefonansage aber sehr wohl. „Drücken Sie die 1, wenn sie was von uns wollen, und die 2, wenn sie sich nur mal erkundigen wollten, wie es mir so geht, in meinem Job als automatischer Ansagentext“, sagte die Ansage. Ich drückte die 1. Die Stimme sagte: „Ich wusste es! Wie es mir geht, hat noch nie eine Sau interessiert!“ und legte auf. 

Gekränkt von der Ablehnung dieser Stadt schlug ich die Zeitung auf, ich wollte verstehen, was da schief geht, und Informationen können da ja nicht schaden. Und zack, auf der letzten Seite, daran lag es also: 
Steinbock: Heute wird Ihnen nichts gelingen, und morgen auch nicht, denn sie verschwenden Ihre Lebenszeit mit der Lektüre von Horoskopen, die sich unser Redaktions-Labrador jeden Morgen ausdenkt, und so ist noch keiner zu Erfolg und Einwohnermeldeamtterminen gekommen“. 

So schlimm ist das eigentlich nicht, für mich spielen die Wahlen eh keine so große Rolle. Auf jeden Fall keine so große Rolle wie für die Hitlerbart-Saisonarbeiter, die edelsten unter den Menschen, die Krönung unserer gammeligen Schöpfung, das schönste, was über diesen wüsten Planeten irrt. Die Hitlerbart-Maler haben den besten Job der Welt. 

Alle paar Jahre kriechen sie aus ihren Studentenbutzen oder Grunewald-Villen, wer weiß schon, wie die Eddingbesitzer heutzutage wohnen, blinzeln verschlafen in die Sonne, und denken „Aahh, schon wieder Landtagswahlen, jetzt aber schnell, Zeit, wieder ein paar Bärte unter die Nasen unfreundlicher Berufspolitiker zu zeichnen“. Das ist besser als die allermeisten Jobs, bei denen man sich ständig „Aahh, schon wieder Montag“ denken muss. Augen auf bei der Berufswahl. 

Die Hitlerbart-Maler nehmen ihren Job sehr ernst. „Natürlich tun wir das, wir sind doch keine verlotterten E-Book-Konsumenten“ kreischen die Führergesichtsbehaarungs-Zeichner da beleidigt auf. Das kann man ihnen aber kaum zum Vorwurf machen, denn Beleidigt-sein ist momentan sehr in, wer sich nicht beim kleinsten Kommentar auf die Füße getreten fühlt, kann eigentlich gleich seinen Twitteraccount löschen. Den Hitlerbart-Malern kann man also allenfalls vorwerfen, äußerst trendbewusst zu sein. 

Am Abend, wenn die Sonne sich in irgendeiner Himmelsrichtung versteckt, schreiten die Zeichner dann zur Tat. Gesehen hat sie dabei noch nie jemand, denn die Hitlerbart-Maler sind komplett unsichtbar. Sie verraten allerdings niemandem, wie sie diese Fähigkeit erlernt haben. Ganz zu Recht, denn jeder andere Mensch würde solch Superkräfte missbrauchen und zu kriminellen Akten nutzen, für militärische Manöver etwa, oder kostenlose Kinoeintritte. Das können die Plakatbemaler nicht verantworten. 

Denn sie sind nicht nur pünktlich und verlässlich, sie arbeiten außerdem extrem verantwortungsbewusst. Wer weiß, woher die nach fünf Jahren Mittagsschlaf so genau wissen, welcher Holzkopf dieses Mal verziert gehört. Das einzige, was die Plakatmaler nicht gut beherrschen, ist Lobbyarbeit. Noch immer gibt es von ihnen keine Gewerkschaft, dementsprechend arbeiten die meisten für Hungerlöhne oder sogar gänzlich unbezahlt. Der reine Wille treibt sie an.

Es dankt ihnen niemand dafür, das Gesicht von AfD-Politikern mit Eddingstrichen zu verzieren, keinen Preis bekommen sie für die Malerei überreicht, und trotzdem sind sie wieder da, jedes Mal wieder, verlässlicher als das Gedrängel in Einkaufsstraßen am Tag vor Heiligabend, und erwarten für ihre Mühe tun sie rein gar nichts, außer dass Sie ihr Kreuzchen nicht bei einer höchst unsympathischen Partei setzen. Ich finde, den Gefallen können sie Ihnen tun. 

Das bin ich, und das ist Berlin, und immer sind wir beisammen, und trotzdem klappt es nicht (Foto: Saskia Bauermeister)

Montag, 11. Juli 2016

Besuch vom Tod

Heute morgen um sieben saß der Tod bei mir. Auf meinem Bürostuhl.
Er saß da nicht still, sondern drehte sich auf dem Stuhl in einer Höllengeschwindigkeit um sich selbst. Dabei rief er: "Hui!"
Klingt nicht nach Tod, war er aber. Man erkennt ja den Tod, wenn er da ist. Ich sagte auch "hui", irgendwas muss man ja sagen, wenn der Tod plötzlich auftaucht.
Und es war ganz eindeutig der Tod: Kantiger Schädel, zerfetztes Kleidchen, und die Sense zischte beim Drehen durch die Luft. Ich war genervt. Sieben Uhr morgens. Das ist nun wirklich zu früh für den Tod.
Ich mag den Tod nicht. Das ist etwas Persönliches. Der Tod ist ein bisschen wie die Angelina aus der 7b: Nimmt mir die Menschen weg, die ich liebe, sieht scheiße aus und hält sich für besser als der Rest.
Ich ignorierte ihn also erstmal. Ging erstmal in die Küche und überlegte, wie ich ihn loswerden konnte. Erstmal was Gesundes. Ich schmiss ein paar Bananen und so Superfood-Beeren aus Südamerika in den Mixer.
Aus meinem Zimmer hörte ich den Tod kichern. Weil er sich von meinem Smoothie nicht rauswerfen ließ, bot ich ihm auch ein Glas an. Gast ist Gast.
Der Tod freute sich über den Smoothie.
"Hmm, lecker, ooh, mit Goji-Beeren!!"
Mit beiden Händen hielt das Glas, wie ein Dreijähriger, und ähnlich viel kleckerte er auch, weil der Saft natürlich einfach durch das Skelett auf den Boden patschte.
"Oh", sagte der Tod und guckte schuldbewusst.
"Macht nix", sagte ich. Was soll man auch sonst sagen.

Der Tod fing an zu jammern, das Stuhldrehen würde ihm jetzt gar keinen Spaß mehr machen, immer mache er irgendwas kaputt, und dann seien alle traurig, und der Boden hier, das sei doch sicher Echtholz, da verziehe sich bestimmt gleich alles von so einem Smoothie, was so ein Schaden wohl koste, und dass er mir das "auf jeden Fall" ersetzen würde.

"Ist nur Laminat", sagte ich. Der Tod sah mich hoffnungsvoll an.
Dann erklärte er mir, er sei heute eh nur auf Besuch, war gerade in der Gegend, zwei Häuser weiter sei ja das Kreiskrankenhaus, da dachte er mal, er schaue auf einen Sprung vorbei. Um mich an die "wichtigen" Dinge zu erinnern. Er versucht, das "wichtige" sehr ernst zu betonen.

"Ok", sagte ich, und was denn so wichtig sei.
Der Tod zuckt die Schultern, das wisse er nun wirklich nicht, mit Leben kenne er sich nur so mittelgut aus, meistens reiche einfach seine Anwesenheit, und plötzlich wisse man, was wirklich wichtig ist. Ihm persönlich bereite Einradfahren und "für Freunde kochen" viel Spaß, aber da sei ja jeder anders.

"Aha", sage ich.
"Und?", sagt der Tod.
"Was?"
"Weißt du es schon?"
"Ne"
"Jetzt?"
"Ne."
"Jetzt??"
"Jetzt lass mich doch mal zwei Minuten nachdenken"

Der Tod nickte unwillig und fragte, ob er solange wenigstens fernsehen dürfe. Die Wiederholung vom Spiel gestern. Ich schmiss ihm die Fernbedienung zu. Der Tod ist ein beschissener Fänger, das Ding flog gegen das Smoothieglas, tausend Scherben, und schon heulte er wieder.

Ich versuchte, ihn zu trösten, klopfte ihm auf die knochige Schulter, strich ihm über das kahle Köpfchen, aber er kriegte sich kaum noch ein.
"Immer ich, wieso passiert mir das immer?"
Ich wusste es nicht, sonst passiert mir immer alles, ich hob den Tod hoch, ganz leicht war er, und stopfte ihn in mein Bett.
Da liegt er jetzt, ich lasse ihn schlafen, sitze solange im Wohnzimmer. Ich habe ihm versprochen, ihn gegen fünf zu wecken, da muss er weiter, an irgendeine Autobahnkreuzung, zwei Anhalter mitnehmen.

"Ich bin immer bei dir", flüstert der Tod leise, und dann noch leiser: "Also, metaphorisch, metaphorisch bin ich echt immer für dich da, wirklich" Damit unterscheidet er sich gar nicht so sehr von den meisten meiner Freunde.

(Foto: Carolin Saage)


Dienstag, 24. Mai 2016

Fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck. Nochmal, für die Vollidioten, die es einfach nicht kapieren: fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck fuck. Heute ist Dienstag. Sonst ist nichts passiert.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Meine Frau hat mich verlassen, aber dafür hat ihre Arbeitskollegin einen Stalker

Ich warte auf eine wichtige Mail. Ich weiß nicht, auf welche, oder von wem, nur dass sie sehr wichtig ist. Seit einer Woche habe ich das Haus nicht verlassen, das Wlan habe ich dreimal überprüft, daran liegt es nicht.
Die Mail ist wichtig, denn sie muss mich retten. Früher dachte ich, Menschen könnten mich retten, aber dann hat meine Frau mich verlassen, um sich selbst zu finden.
Ich sagte: "Aber hier bist du doch", und sie schüttelte den Kopf und sagte, ich verstünde mal wieder überhaupt nichts. Das war eh eine Zeit, in der sie sehr oft "mal wieder" sagte, und  manchmal auch was anderes,  "eh nicht" zum Beispiel oder "nie", und als letztes: "Ich muss mich selbst finden".
Sie glaubte im Gegensatz zu mir nicht, dass sie ganz und gar hier sei, sondern vermutete sich eher in einem 4-Sterne-Ayurveda Resort in Indien.
Das stimmte damals nicht, aber zwei Wochen später stimmte es doch, und hoffentlich hat sie sich gefunden, denn ich habe sie verloren und kann nicht mehr bei der Suche helfen.
Als ich ihr in einer Email schrieb, dass mir das leid tue, schrieb sie zurück: "Hello Peeps, dies ist eine Abwesenheitsnotiz, ich bin gerade im Sabbatical, ihr könnt mir auf meinem Instagram-Account @YogaLoverInIndia folgen! In wichtigen Fällen melden Sie sich doch bitte bei meiner Kollegin Katrin Graf".
Und obwohl die Eifersucht mir den Atem nahm, und ich mir vorstellte, wie ich diesen YogaLover in Indien zerlegen würde, wenn ich nur etwas entschiedener wäre, meldete ich mich bei Katrin Graf. Denn ein wichtiger Fall ist es doch in jedem Fall, wenn die Frau verloren geht.

 Katrin Graf hatte allerdings von meiner Frau den Auftrag bekommen, mich abzuwimmeln, und den müsse sie jetzt erst mal erfüllen, bevor sie mir weiterhelfen könne. Katrin Graf ist sehr gewissenhaft, immer wieder schrieb ich ihr und fragte nach meiner Frau, und immer wieder sagte sie gar nichts, so einen Job wünscht sich natürlich jeder.
Nachdem ich es ein paar Wochen lang immer wieder versuchte, schrieb Katrin Graf irgendwann auf Twitter, dass sie einen Stalker habe, #creepy. Ich freute mich für sie, denn ich wiederum hatte immer noch gar nichts, keine Spur, keine Frau, nicht mal einen Stalker.
Seitdem warte ich auf die wichtige Mail, und ich glaube sehr daran, dass sie bald kommt, weil das Nicht-Glauben doch noch nie geholfen hat, mir zumindest nicht.

Ich suche meine Frau. Falls ihr diese hier seht, die ist es nicht. 

(Foto: Carolin Saage, aber die ist es auch nicht)

Sonntag, 8. Mai 2016

Ein Tag mit den Obamas

Es ist ziemlich sicher, dass Barack Obama manchmal nachts nicht schlafen kann, weil ihm endlich ein guter Konter für ein Gespräch einfällt, dass er in der achten Klasse geführt hat. Es ging damals um seine Wurftechnik, der Coach hatte ihn irgendwie angefahren, egal, jetzt auf jeden Fall fällt ihm die perfekte Retourkutsche ein, und er wälzt sich unruhig hin und her.
Michelle ist genervt, murmelt so etwas wie "Get some sleep, Mister President", das ironische "Mister President" kann sie sich einfach nicht abgewöhnen, es ist ein Insider, das erste Mal nannte sie ihn so, als die beiden sich am College kennengelernt hatten, bis an die Spitze, zusammen, das war schon damals für beide klar.
Barack murmelt dann irgendwas von einer schwierigen Nahostentscheidung, und denkt wieder, das wäre es gewesen, der Scheißcoach hätte nie wieder gewagt, ihn so blöd an zu labern, und dann ist das Arschloch auch noch gestorben, bevor er Präsident wurde, Schlaganfall mit Mitte 40, das ärgert Barack immer noch, wer stirbt bitte mit 40 an einem Schlafanfall. Er wird immer wacher, er steigert sich richtig rein. Scheiße, schon halb vier.
Irgendwann ist es dann Morgen, und Barack könnte schwören er habe kein Auge zugetan, aber Michelle sagt, Unsinn, er habe die ganze Nacht friedlich geschnarcht, während Sie sich Sorgen gemacht hat wegen des schlechten Essens in den Schulkantinen, aber ihre Sorgen interessieren ihn wieder gar nicht.
Beim Frühstück starrt man sich also ein bisschen finster an. Dann wieder Termindruck usw. Am Abend kurzer Whatsapp-Austausch. Michelle so: "Baby, du solltest weniger arbeiten", und Barack schreibt zurück: "Seit wann texten wir auf deutsch?" Genervt organisiert Michelle einen Wohltätigkeitsball.
Am Abend essen die beiden mit einem Comedystar. Der Comedian soll die beiden in einem Sketch volksnäher machen, deswegen erzählt Barack, dass er in Studienzeiten "auch gern mal an einem Joint gezogen habe" und überhaupt auch gerne Netflix schaue, wie so ein ganz normaler Mensch.
Der Comedian lacht hysterisch, "haha, normaler Mensch, das ist gut, das ist witzig!" und Obama lacht zurück, Michelle fühlt sich ausgeschlossen. Sie nimmt die Hummergabel und ersticht den Comedian. So richtig klappt es nicht, die Gabel ist zu stumpf, nie klappt was, der Comedian zuckt und zuckt und verreckt einfach nicht.
"Lass doch, Sweetheart", sagt Barack und streicht ihr sanft über die Wange, "das übernimmt Phil für uns, wozu sind wir denn ganz oben und an der Spitze". Aus einer Ecke kommt Phil, nickt demütig, er soll hier keine weitere Rolle spielen, nur so viel, der Comedian sollte nie wieder jemanden volksnah machen.
Die Obamas jedenfalls gehen müde ins Bett. Nicht diese wohlverdiente Müdigkeit, die man sich so vorstellt für Präsidentenpaare, sondern eine pure Müdigkeit, von allem, und voneinander auch ein bisschen, auch wenn sie das nie zugeben würden. Sie sind doch ein Powerpaar.  Barack retweetet noch einen Post von Jan Böhmermann. Das macht ihn volksnah. Vielleicht nicht hier in Amerika. Aber vielleicht anderswo. An einem anderen Ort. Das ist alles möglich. Was wissen wir schon von den Obamas.