Freitag, 27. Februar 2015

EIN INTERVIEW MIT MIR VON MIR oder #DieGanzeWahrheit

 Ich muss ein Buch schreiben. Ich muss seriösen Journalismus betreiben. Ich muss bloggen. Einfach ist es nicht. Hier ein Interview der drei schillernden Persönlichkeiten.


WELT - Journalistin: Hm, ja, also, schön Sie kennen zu lernen, Frau von Rönne-

BLOGGERIN:
Ach, nennen Sie mich Ronja, Sie Knalltüte. Ich bin ein crazyjunges Bloggergirl, da muss man nicht so förmlich sein. (raucht Bong)

WELT - Journalistin (versucht relaxed zu gucken und zündet sich eine Zigarette an)
: Ja, toll, nennen Sie mich doch einfach auch Ronja, sonst wird das alles so kompliziert. (notiert panisch) Also, erstmal zu ihrem Schreiben. Ist das wirklich alles so passiert? -

BLOGGERIN
: Ich schreibe nicht, ich blogge. (grinst frech, tippt auf ihrem Smartphone herum) Außerdem ist das eine bescheuerte Frage. Und "ihrem" schreibt man groß.

WELT - Journalistin: Ähm ja, also wenn ich ehrlich bin, ich bin nicht so gut in Interviews.

BLOGGERIN: Ich auch nicht. Wer interviewt hier eigentlich wen? Also, erstmal zu Ihrem Schreiben-

WELT - Journalistin: Ich schreibe nicht, ich habe Angst.

BLOGGERIN: Angst? Wie darf ich das verstehen?

WELT - Journalistin:
(äfft nach): "Angst? Wie darf ich das verstehen?"

BLOGGERIN: Hä? Was soll das denn?

WELT - Journalistin: Es tut mir Leid. Der Druck in der Redaktion. Wenn dieses Interview nicht gut wird, muss ich was anderes schreiben, und dann wird das wieder ein Text darüber, was mir gefällt, und was ich nicht so toll finde, völlig ohne Begründung warum, und dann wird mir wieder vorgeworfen, ich schreibe nur selbstreferenziell. Und dann lese ich wieder Leserkommentare, und dann heule ich, und dann rauche ich zu viel, und wasche mich nicht mehr und -Ich will doch so gerne seriösen Journalismus machen. (weint)

BLOGGERIN: Aaach, mach dir keinen Stress, ich schreib nur über mich, die Leute lieben das! Gonzojournalismus! Hashtag Gonzo! (trinkt lässig aus ihrem Flachmann)

WELT - Journalistin
: Aber finden Sie das ganze nicht ein wenig - narzisstisch? Immer nur ich, ich, ich - das interessiert die Leser da draußen doch überhaupt nicht.

BLOGGERIN: Die Leser da draußen sind mir scheißegal! Mein Blog, mein Block! (twittert letzteres noch schnell und lacht irre)

WELT - Journalistin: ... Ich beneide Sie etwas. Bei uns sind Klickzahlen sehr wichtig.

BLOGGERIN:
Ja, Klickzahlen sind mir auch wichtig. Aber ich mach das nicht über Inhalte. Ich schreibe einfach immer "Sex" in die Überschriften. Inhalte habe ich längst überwunden.

WELT - Journalistin: Aber, wenn es dann gar nicht um Sex geht, fühlen die Leser sich doch betrogen.

BLOGGERIN: Ne, meine Leser tun dann so, als finden Sie das "witzig" und "ironisch" und "clever". Was machen Sie denn für Klickzahlen?

WELT - Journalistin: Naja, manchmal hoffe ich einfach. Oder ich hab einfach pure Angst. Angst kann ja ein toller Motor sein. Manchmal schreibe ich auch "Bitte teilt diesen Beitrag", wenn ich meine Texte auf Facebook poste. Aber die wenigsten reagieren noch darauf ... (knotet Hände) ... Die Menschen sind kalt geworden.

ANGEHENDE BUCHAUTORIN: Könnt ihr beiden mal die Fresse halten? Ich schreib hier an meinem ersten Buch (wedelt panisch ein leeres Blatt) - das ist Literatur!

  BLOGGERIN (hämisch): Das ist ein leeres Blatt, du Opfer, Hashtag Opfer.

WELT - Journalistin: In der Form kann ich das aber nicht rezensieren. Viel zu wenig Inhalt. Am Ende schreibe ich dann nur wieder über mich. Das Buch bietet ja bisher keinen Stoff.

ANGEHENDE BUCHAUTORIN: Weil ihr beide mich nervt mit euren Hashtags und euren Klickzahlen und seriösen Journalismus! Ich brauche einen freien Kopf! L'Art pour l'Art!

WELT - Journalistin: Sie haben ganz Recht! Le journalisme pour le journalisme!

BLOGGERIN: (twittert): Le #blog pour le #blog!

Alle drei umarmen sich, die WELT Journalistin schlägt die Bloggerin fest auf den Hinterkopf, die Bloggerin zerkratzt der Buchautorin das Gesicht. Die Buchautorin küsst die beiden zum Abschied. Verwirrt gehen sie zusammen auseinander, was nicht heißt, dass sie fett werden.



Bloggerknoten, Seriöses Hemd, grenzdebiler Autorenblick. Die drei Hübschen in einem Bild. (Nicht im Bild)

Freitag, 20. Februar 2015

WIEVIEL SEX IST NORMAL?

Ich möchte den internationalen Tag der Tapferkeit ausrufen.
Tapfer sind alle, die sich umgebracht haben und alle, die noch leben. Viel zu oft wünscht man mir "Viel Spaß" bei allerlei spaßlosen Angelegenheiten, viel zu wenig sagt man mir "Tapfer bleiben". Dabei ist doch viel mehr schlimm als angenehm, und bei angenehmen Tätigkeiten hat der Spaß sich gefälligst von allein einzustellen und sollte nicht erst durch Wünsche meiner Freunde beordert werden müssen. Ständig muss ich Spaß haben. Man kommt kaum mehr zum Silberputzen bei all dem Spaß.

Silberputzen war als Kind meine Lieblingsbeschäftigung. Ich komme aus Oberbayern. Früh stellte mich meine Mutter vor die Wahl: "Kind", sagte sie, "möchtest du in deiner Freizeit lieber in den Trachtenverein oder das Familiensilber polieren?"
Ansonsten habe ich als Kind viel gelesen und gewackelt. Das Wackeln war meine Lieblingsbeschäftigung. Einfach von vorne nach hinten, den ganzen Oberkörper und Tag lang. Heute komme ich nur noch selten dazu, es wird ja viel diagnostiziert und ganz schnell wird einem das Silbermesser entwendet und durch einen Therapieball ersetzt, man muss alte Joggingshosen tragen, durch traurige Fluren von noch traurigeren Psychiatrien schlurfen und Activity mit Verrückten spielen. Ich habe in meiner kurzen Erdenzeit noch viel vor, deswegen wackele ich nicht mehr, sondern trinke zur Stressbewältigung viel Alkohol, das ist gesellschaftsfähiger. Wenn man "ich wackele" in google tippt, wird einem übrigens "ich wackele wie ein Dackel" vorgeschlagen, aber ich finde, das geht doch zu  weit. Ich wackele wie ein vernünftiger Mensch, nicht wie ein überzüchteter Dachshund.
Wieviel Sex normal ist, weiß ich übrigens nicht, das müsst ihr schon selbst wissen! Was ist denn das für eine bescheuerte Frage! Wenn ihr zur Beantwortung einer solchen Frage den Blog einer 23-Jährigen Wacklerin lesen müsst, tut mir euer Partner wirklich leid.
Dafür kann ich bald die Frage "Bringen Überschriften mit dem Wort Sex wirklich eine höhere Klickzahl" empirisch fundiert beantworten. Und wenn ihr jetzt wütend seid, weil ihr statt Sextipps nur erfahren habt, dass ich als Kind gern Silber putzte, kauft euch doch das nächste Mal die Men's Health, ihr Knalltüten.

Diesen Koffer habe ich an einer Straße in Hildesheim gefunden. "Ei", seufzte ein Hildesheimer, "wieder so ein Tag, an dem ich unheimliche Puppen in einen blauen Koffer packen muss". Dann verdrehte er den Puppen ein bisschen die Arme, stellte den Koffer auf die Straße und kaufte sich ein Hildesheimer Törtchen.


Samstag, 14. Februar 2015

ST. OBERHOLZ, VALENTINSTAG, AUTHENTISCHE ASIATEN

 Ich esse beim Vietnamesen immer Suppen mit ulkigen, monovokalen Namen. Erstens können die Vietnamesen sehr gute Suppen zubereiten, zweitens habe ich meist Glück und komme um die Stäbchensituation herum. "Aber", schreien nun empörte Großstädter, die sich in Kursen an Mittwochabenden treffen, um zu lernen, wie man mit diesem rückständigem Besteck isst, ohne wie ein empörter Großstädter auszusehen, der nie einen solchen Kurs belegt hat, "Stäbchen sind authentisch". Ich halte das für großen Quatsch. Ich glaube nicht, dass Asiaten mit Stäbchen essen, weil das authentisch ist. Ich glaube, dass Asiaten damit besser essen können. Die Asiaten sind doch nicht blöde. Und aus den gleichen Gründen bestehe ich auf Messer, Gabel und Löffel. Was ist noch schlimm?
Schlimm ist das Café St. Oberholz in Berlin. Sollte es gastro-masochistische Menschen geben, sei ihnen ein Besuch dieses Etablissments ans Herz gelegt. Allen anderen rate ich: Rennt!
Es handelt sich um ein Café, in das man nur mit Macbook darf. Wenn man nicht mit Macbook, sondern mit Begleitung erscheint, schaut einen ein anglophoner Barista stirnrunzelnd an und fragt dich: "Whats that?". Überall hängen ironische Sprüche und auf der Toilette muss man seine Hände trocken föhnen.
Ich wollte in ebenjenem St. Oberholz einen Kaffee bestellen. Das Kassenmännchen schaute mich böse an und sagte: "Americano". Ich guckte zornig zurück: "Kaffee". Er sagte: "Das macht hundert Euro, bitte." und schrie den anglophonen Barista an: "Another Americano!", dabei bin ich deutscher als die Zugspitze. Ein furchtbarer Laden. Gibt es sonst noch was? Es ist Valentinstag. Der Tag, dem sich gut angezogene Prenzlauer Berg Pärchen vergewissern, dass es diesen kapitalistischen Feiertag nur aufgrund einer Marketingstrategie eines amerikanischen Postkartenherstellers gibt. Dann nicken sie im Chor und die Frauen weinen heimlich. Es ist ein Jammer.

Statt ins St. Oberholz zu gehen und mit Stäbchen zu essen, kann man sich die Zeit auch damit vertreiben, sich die Augenbrauen aus Bildern zu retuschieren. Das macht Spaß und man kann es seinen Freunden zeigen.

Dienstag, 10. Februar 2015

"DU HAST EINE SCHELLE VERDIENT"

Das Problem ist ja, dass man ständig wartet, und wenn dann doch mal etwas passiert, ist es irgendwie  zu anstrengend, zu riskant, zu klein oder zu laut. Außerdem hat man immer zu wenig, außer manchmal, da hat man dann zu viel. Ich habe gerade von allem zu viel und das alles nur, weil ich über eine mäßig spannende Berlinale - Party geschrieben habe.

Anonyme schreiben mir Emails, in denen sie mir eifrig vergewissern, dass ich wahlweise ins Bootcamp, verklagt oder verdroschen gehöre, manche drohen mir gar, in Zukunft nicht mehr meinen Blog zu lesen.
Ich finde das nicht sehr charmant. Überhaupt hätte man sich mehr Mühe geben können. Ein hysterischer Lynchmob vor meiner Wohnungstür, wenigstens ein aus Zeitungsbuchstaben herausgeschnippelter Drohbrief hätte drin sein können, es gibt doch Möglichkeiten. Früher war das alles romantischer. Da beneide ich fast einen Kollegen, bei dem nach einem Verriss der Rapper Fler vor der Haustür stand um ihn mit seinen Homeboys davon zu überzeugen, dass er sich entgegen der Behauptung des Reporters durchaus Steaks und Mercedes leisten kann.

Natürlich ist es grob fahrlässig von mir, solchen Haudegen auch noch eine Plattform zu geben. Dass ich es trotzdem tue, ist keineswegs vernünftig, sondern liegt daran, dass ich undiplomatisch, verärgert und jung bin. Solche Reaktionen machen mich stolz, wütend, ängstlich, tapfer, sie lassen mich an meinem Schreiben zweifeln und dann trotzig weiter machen.
Und Pathos darf man, solange man jung ist. Später glaubt man sich ja nicht mehr. Da kann man dann diplomatisch sein. Oder anonyme Drohbriefe schreiben. Das müsst ihr nun wirklich selbst entscheiden.


Verstecken geht, sieht aber einfach albern aus. (Foto stammt, mal wieder, von der großartigen Helene Bukowski)


Samstag, 7. Februar 2015

ICH BIN JETZT KATHOLIK

(Dieser Text ist von meinem Bruder Malte (19), der eigentlich nicht schreibt, sondern durch die schönsten Städte des Ruhrgebiets pilgert. "Bottrop", sagt er, "Bottrop ist am schönsten.")

Ich werde immer katholischer von Tag zu Tag. Das liegt natürlich nicht daran, dass ich endlich einen imaginären Freund oder gar Hoffnung gefunden habe, sondern daran, dass hier alle evangelisch sind. Ich mag keine Monopole und manchmal muss man sich, um dem entgegenzuwirken, auch abseits der eigenen Überzeugung positionieren. Also geh ich nun jeden Sonntag in die Kirche, beichte einmal im Monat und versuche ab und an auch mal einen kleinen Jungen in meine Wohnung zu locken. Krank und grenzlegal, meint mein Mitbewohner, ich halte es für konsequent. Wenn man eine neue Sache anfängt dann auch richtig, dieses dahingeschluderte Benehmen von manchen Leuten ist ja nicht zu ertragen. Sie erzählen dir stundenlang im Vollrausch, warum ich keines ihrerer isotonischen, fettreduzierten, zuckerarmen und koscher am 2ten Vollmond im Jahre des Flamingos gebrauten Bieren trinken darf, da diese für sie bestimmt seien und ein normales Helles sie binnen nanosekunden in den sicheren Tod führen würde. "Aha" denke ich öffne meine sechste Flasche normales Helles an diesem Abend, nehme einen Zug, schlucke, halte inne, warte. Doch selbst nach gefühlten 5 Sekunden setzt kein plötzlicher Herzstod ein, keine Organe explodieren und die Unsymphatin von nebenan höre ich auch noch. Schade eigentlich.