Sonntag, 23. November 2014

KEINE GNADE AM MORGEN

 Ich wache oft gegen vier Uhr morgens auf. Meistens, weil ich keine Luft bekomme. Um vier Uhr morgens eine Panikattacke zu bekommen ist sehr praktisch, denn sonst verpasst man nicht viel. Die Geschäfte haben geschlossen, die Exfreunde ihr Handy im Flugmodus.
Weil aber auch die schönste Panikattacke nicht für immer ist, will die Zeit bis zur Morgendämmerung genutzt werden. Also erledige ich, ganz die Generation Produktiv, all die Dinge, zu denen ich sonst so selten komme. Ich starre in mein finsteres Zimmer und denke über Mahngebühren nach, stelle mir den Tod vor und führe imaginäre Gespräche mit Menschen, die mir verhasst sind. Ich male mir die Zukunftsangst aus. Ich stelle mir vor, wie in meinem Kopf ein Tumor wächst. Spätestens, wenn die Sonne aufgeht, weiß ich, welche Fehlentscheidungen in meinem Leben mich zu dem gemacht haben, was ich heute nicht bin.
Unfair ist, dass nach dieser Tortur erst der Tag beginnt, das einzige, was vielleicht noch schlimmer ist als der Morgen. Grässlich viele Stunden warten grinsend darauf, genutzt zu werden. Weil es aber hell ist, und weil man in der Uni sitzt, und weil es starken Kaffee gibt, kann ich mich tagsüber sehr gut mit meinen moralischen Verfehlungen, meiner Unproduktivität und meinem destruktiven Lebensstil arrangieren.
Das Schöne ist, dass sich die Zeit von ganz allein verlebt. Ich muss gar nichts tun. Ich kann mit einer Scheibe Toast auf meinem Grabstein sitzen und warten. Aber weil ein Grabstein sehr unbequem ist, wache ich häufig nachts auf und muss darüber nachdenken, warum ich meine kurze Erdenzeit nicht sinnvoller genutzt habe. Alles ist sehr schlimm.


So seh ich morgens nicht aus. So seh ich aus, wenn ich ein Bild machen will, dass gut zu einem Blogpost passt, in dem ich erzähle, wie gut mir morgendliches Joggen tut.