Freitag, 30. Januar 2015

NATÜRLICH KEINE ECHTEN MENSCHEN

Als Kind hatte ich eine sehr präzise Vorstellung vom Leben, um die ich mich heute etwas beneide. Die Welt war aufgeteilt in zwei Gruppen: Die eine Gruppe waren Roboter nur, geschickt getarnt und allerhand menschlich wirkend, dessen einziges Ziel es war ihr Menschsein  vorzutäuschen. Die andere Gruppe war ich.
Alleine, das einzig echte Menschenwesen, verdammt, mich zu tarnen und mein Wissen um die Roboter gut versteckt zu halten. Meine Mutter, meine Cousinen, meine Freunde: Ich liebte sie, aber ich wusste auch, dass es eine falsche Liebe war, dass ich Illusionen verfallen war. Ich bedauerte das kurz, dann bastelte ich weiter an meinem Kastanientier.
Gewitzt waren sie ja, die Computer, hatten sogar Science Fiction Filme mit sehr menschenähnlichen Androiden produziert, eine geschickte Taktik um mich, das Menschenkind, zu verwirren und in trügerischer Sicherheit zu wähnen, hier auf dem Erdenball, in den letzten Seufzern des alten Jahrtausends. Ich war nicht nicht panisch, mehr war die Festellung ganz rationaler Natur: So ist es eben. Um dieses so-ist-es-eben beneide ich mich. Heute ist nichts eben, alles wird in die Hand genommen und angefasst und gedreht und gewendet und kritisiert und gelobt und hinterfragt und therapiert.
Irgendwann später erinnerte ich mich an meine kindliche Vorstellung, googlete, lernte, das sei ganz normaler kindlicher Narzissmus. Ach so, dachte ich, und fühlte mich kurz sehr normal unter sehr vielen, sehr Normalen. Dann erschrak ich, schlug mir die Hand vor die Stirn, die Erkenntnis wie ein Stromschlag:
Eine geschickte Fährte habt ihr da gelegt. Fast hattet ihr mich.

Außer mir nur nichts, und meistens nicht mal das.