Freitag, 15. Mai 2015

WIE BRINGE ICH MEIN HAUSTIER UM?

"Komm, wir hängen die Wäsche auf!"
"Nö"
"Geh wenigstens mal von Facebook runter."
"Nope."

So geht das schon seit Tagen. Ich komme zu gar nichts mehr. Das Diffuse ist bei mir eingezogen, kräht in meinem Zimmer herum und macht mir Sorgen.
Es veranstaltet Tennisturniere für seine Freunde in meinem Hinterkopf. Ich nehme nie teil, verliere aber trotzdem. Sagt es. Das Diffuse reißt meinen Kleiderschrank auf, schmeißt alles durcheinander, schmiert sich Lippenstift ins Gesicht und verkleidet sich wahlweise als Furcht oder Versagensangst. Gerade trägt es einen BH in Doppel D, was völlig albern aussieht, weil weder das Diffuse noch ich große Brüste haben.
"Wer bin ich jetzt?" Es grinst feist.
"Weiß nicht. Ein Komplex?"
"Och, Mensch, das war zu einfach". Das Diffuse zieht sich beleidigt zurück in die Ecke und liest mir aus meinem Tagebuch mit 11 vor.
"Guck mal, du wolltest damals schon Autorin werden!"
"Weiß ich."
"Und bist es immer noch nicht!" Das Diffuse brüllt vor Lachen, kippt eine Flasche Aldi-Whiskey und grabbelt an meinem Handy rum, um selbstmitleidige SMS an Verflossene zu tippen.

Ich schlage ihm einen Spaziergang vor. Draußen scheint die Sonne. Es schüttelt den Kopf. 
"Wusstest du, dass Sonnenschein die Nummer eins Ursache für Hautkrebs ist?". 
Ich zerre es aus dem Haus. Wir gehen Richtung Rewe. Ich will was schönes kochen, für uns beide. Ich lege eine Aubergine in den Korb. Das Diffuse nimmt sie wieder heraus. Ich lege sie wieder hinein. Das Diffuse guckt zornig und schmeißt vier Stangen Discounter Kippen in den Korb. Ich resigniere.
Es nervt zusehends. Das Diffuse hat viele ärgerliche Angewohnheiten. Zum Beispiel, Redensarten falsch zu verwenden.
"Jetzt macht doch keine Mücke aus einer Mücke" Es verdreht die Augen. Dann rennen wir beinahe nach Hause, denn, erzählt das Diffuse ganz euphorisch, zuhause sei der Wlan Empfang viel besser, außerdem könne man in Jogginghosen herumliegen. Ich gebe nach.
Das Diffuse legt sich in mein Bett. Es sieht eigentlich ganz zahm aus, wie es sich da zusammen rollt. Es kann kaum noch die Augen offen halten, als ich mich dazu lege. 
"Ich bin wie das Sams"; murmelt es noch, "nur, dass ich jeden Tag da bin." 
Im Halbschlaf greift es nach meiner Hand. "Du verlässt mich doch nicht, oder?"
Ich gucke es an, streiche ihm ein Haar aus dem Gesicht. Wie könnte ich.


"Weißt du, was man mit dem Fenster da machen könnte?", fragt das Diffuse.
"Es schließen?"
"Oder", sagt es träumerisch, "Oder rausspringen."
(Foto: Jonas Kamm)