Montag, 15. Juni 2015

Warum ich wütende Texte schreibe

Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich nur an Millionen Kieferorthopäden-Besuche und AOL-CD-Roms.

Die lagen überall. Beim Edeka bekam ich nicht, wie andere mir mit leuchtenden Augen erzählten, eine Scheibe Wurst, über deren Herstellung man später furchtbare Dinge erfahren würde, nein, ich bekam eine AOL-CD.
"Willst du noch eine AOL-CD?", fragte die Kassiererin und ich antwortete: 
"Aber ja, solch eine wunderbare AOL-CD, wer weiß, wenn die anderen hundert kaputt gehen, habe ich noch eine zum Ersatz. Gib her das Ding."

Meine Kindheit war eine leeres Zimmer in Oberbayern, in dem tausend AOL-CDs und eine Zahnspangendose lagen. Später, als mir das zu langweilig wurde, spielte ich einfach, dass die Zahnspangendose auch eine AOL-CD war. 
Nie habe ich gespielt, dass die CDs Ufos wären oder wenigstens Telekom-CDs, ich wollte nicht fantasievoll sein, ich wollte einfach nur noch mehr AOL-CDs. Ich wollte alle. Man braucht hohe Erwartungen, sonst kann man nicht enttäuscht werden.


Irgendwann schmiss meine Mutter sie alle weg. Rumms und klirr-klirr in den Hausmüll.
Ich sprach kein Wort mehr mit ihr,  packte schweigend meine Siebensachen und zog aus, um fürderhin missverständliche Texte in großen Zeitungen zu publizieren. 
"Die Wut, woher kommt denn die Wut in Ihren Texten", werde ich gefragt. Ein oder zwei Mal habe ich ehrlich darauf geantwortet. 
"Meine Mutter hat meine Reklame-CDs weg geworfen."
"Achso, mhm", sagt die Reporterin.
"Wirklich. Jede einzelne", sage ich.
Dann sagen wir beide nichts und denken an bessere Zeiten. Vielleicht liegen sie ja bei ihr in der Zukunft. Für mich sind "bessere Zeiten" nur eine vage, glitzernde Erinnerung mit Loch in der Mitte.

 Gedruckt worden ist meine Antwort übrigens nie, stattdessen stand dann später da, dass ich eben einen "schrägen Humor" hätte. Dabei stimmt das nicht. Schräger Humor ist, wenn man seine Mitschüler erschießt, und auf die Frage nach dem Warum antwortet: "I don't like mondays."
Das ist schräger Humor. 
Das hier ist der letzte Satz.
Und das war eine Lüge.


"Oh geil, du hast die 500 Stunden-frei-Edition!"
Glücklichere Zeiten: Freundin Luisa und ich beim Vergleichen unserer AOL-CD Sammlung.