Sonntag, 20. September 2015

Wie man eine gesunde Beziehung führt

Als erstes trifft man sich in einer Bar und guckt. Dann schraubt man seine Ansprüche herunter und konzentriert sich auf das, was man am anderen gut findet. Den letzten Schritt wiederholt man, bis einer von beiden stirbt und der andere fröhlich "Zweiter!!" schreit.

So führt man eine gesunde Beziehung, aber das ist ein gut gehütetes Geheimnis, denn sonst wären alle Paarherapeuten ja arbeitslos. Bei unserer Konjunktur können wir uns das nicht leisten, und Deutschland hat ja ohnehin schon genug zu tun mit anderen Dingen, zum Beispiel die Autoschlüssel zu suchen, "Todesstrafe für Kinderschänder" zu twittern oder Dinge in ein anderes Licht zu rücken. Da bleibt keine Zeit für das Gejammer arbeitsloser Paartherapeuten. Also werden sie beschäftigt, damit Paare wieder Gemeinsamkeiten finden, zum Beispiel, dass beide Paartherapie bescheuert finden.

Einmal, vor vielen Jahren, gab es einen anständigen Paartherapeuten, der nicht mehr mit der Lüge leben konnte und ein Buch darüber schrieb, es hieß "Die Paartherapeutenlüge". Aber die Verlage empfanden den Titel als zu sperrig.
"Das ist uns leider zu sperrig", sagten die Verleger und unterschrieben einen dicken Scheck für die Autorin von Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren oder so ähnlich.

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Der anständige Paartherapeut wollte gerade die Stimme erheben und einwerfen, das sei ja nun nicht minder sperrig und überhaupt könne man den Titel ja diskutieren, aber dann war er doch zu schüchtern.

Er schloss sich traurig mit seinem Manuskript in sein ehemaliges Kinderzimmer ein, versiegelte das Türschloss mit Kaugummi und wartete, bis er starb. Das klappte, aber stolz muss er darauf nicht sein, vor ihm sind nun wirklich schon Millionen anderer Paartherapeuten gestorben, und keiner davon hat sich viel darauf eingebildet, tot zu sein, oder gar "toter" als die anderen.
Seitdem haben alle Menschen schwierige Beziehungen. So schlecht ist das nicht, denn was soll man sonst anfangen mit all der Zeit. Man kann ja nicht den ganzen Tag Gemüsesäfte trinken, Schuldgefühle haben oder zu Gruppen hinzugefügt werden.
Wobei, SO viel Zeit bleibt nun auch wieder nicht. Nächste Woche soll mal wieder ein Meteorit die Erde zerstören. Das soll er nun zwar zum hundertsten Mal, aber er traut sich nicht. Vielleicht ist er genauso schüchtern wie der anständige Paartherapeut. Wir können ja trotzdem ein bisschen daran glauben, das wäre schön, denn wenn das Ende naht, guckt man sich sehr verliebt und ein wenig traurig an und denkt bei sich "Beziehungsprobleme sind echt was für Leute, denen nicht gleich ein Stück Universum auf den Kopf kracht".