Mittwoch, 27. Januar 2016

MIR IST LANGWEILIG UND ALLES EGAL

Es ist unfassbar, wie langweilig mir ist. Heute war ich begeistert, weil mein Steuerberater mittags mit mir telefonieren wollte. Um neun bin ich aufgestanden und habe mir Frisuren-Videos bei Youtube angeschaut. Um Punkt 11 saß ich im Abendkleid vor meinem Telefon. 

Drei Stunden später immer noch. Leider hat mein Steuerberater doch nicht angerufen. Leider hat mein Steuerberater mich vergessen. Ich stellte den Handywecker auf zehn Minuten und nahm mir vor, noch zehn Minuten auf seinen Anruf zu warten. Als der Wecker klingelte, ging ich ans Telefon und blaffte ihn an, warum er mich so lange warten lässt. Ich habe zwei Stunden mit meinem ausgedachten Steuerberater geredet. Am Ende empfahl er mir Dinge, die ich tun könnte, anstatt mich zu langweilen.

"Staubsaug doch mal", sagte er, "du könntest auch einen Artikel schreiben oder spazieren gehen, das wäre doch schön", und ich schrie ins Telefon, woher er als imaginärer Steuerberater sich das Recht herausnehme, mir irgendwelche Sachen zu empfehlen, das sei verdammt nochmal mein Leben. Ich legte wütend auf.

Wenn einem langweilig ist, empfehlen einem Leute ständig Dinge, die man tun könnte. Staubsaugen. Schreiben. Spazieren gehen. Wenn einem aber wirklich langweilig ist, hat man auf alle diese Dinge keine Lust. Man möchte zuhause im Bett liegen und sich dafür verachten, dass man zuhause im Bett liegt. Man möchte sich Gründe überlegen, warum einen Staubsaugen, schreiben und spazieren gehen auf gar keinen Fall helfen würden.
Ich nehme meine Antriebslosigkeit sehr ernst. Anstatt ins Museum zu gehen, google ich Depressions-Tests. Ich bestehe sie alle, es ist aber ehrlich gesagt auch ziemlich einfach. Danach mache ich das Zeit-Wissens-Quiz. Ich weiß nichts, es ist aber ehrlich gesagt auch ziemlich schwierig. Und da soll noch einmal jemand behaupten, die Dummen seien glücklich. So ein Unsinn, ich bin saublöd und kreuzunglücklich.

Ich lese Internet bis zur Bewusstlosigkeit. Verhüllte Statuen in Rom. Ist mir egal. SPD. Ist mir egal. Alles ist mir egal. Das einzige, was mir nicht egal ist, ist, wie egal mir alles ist.

Es ist immer noch Nachmittag.  Ich vertreib mir die Zeit damit, heimlich bei dem Mann, den ich liebe, einzuziehen. Das geht ganz einfach: Ich gehe nicht mehr. Manchmal kommt er herein und versucht, mich auf sehr subtile und rührende Weise zum Gehen zu animieren. Er sagt zum Beispiel: "Hau endlich ab, du wurstgesichtige Probeaboschlampe!".
Dann zieh ich ihn fest an mich ran und schüttle den Kopf. Ich lieb ihn so. An den Abenden ist es meist etwas besser, denn da ist nur noch wenig vom Tag übrig. Stimmungswechsel! Anstatt gelangweilt, bin ich an den Abenden voller Selbsthass. Aufregend. Ich finde sogar raus, dass man sich für Selbsthass hassen kann. Ich altes Meta-Mäuschen. Manchmal vergesse ich kurz, wie schlecht gelaunt ich bin, und lache aus Versehen. Zur Strafe hämmere ich meinen Kopf gegen die Wand, denn inklusive Einnahme von Schmerzmitteln danach beschäftigt mich das für gute 5 Minuten.
 Dann gehe ich schlafen und träume, dass ich mich in einem Bordell bewerbe und nicht genommen werde. Dann schrecke ich hoch und mache mir Sorgen über meine baldige Erwerbslosigkeit. Verschuldet. Privatinsolvenz. Vielleicht muss ich sogar mein iPad verkaufen. Es ist nachts um drei, ich öffne den Laptop, schau, was man bei ebay Kleinanzeigen für iPads kriegt. Wenig. Ein bisschen Geld und kaum Hoffnung kriegt man dafür. Scheiß Kapitalismus.

Meine Eltern schenken mir ständig Grubenlampen. Ich habe immer noch keine Grube. Ich bin eine Enttäuschung für die ganze Familie. Leucht, leucht. 


Samstag, 9. Januar 2016

RESPEKTIERT DIE KLEINSTFAMILIEN!

Ich habe keine Kinder. Ich bin nicht verheiratet. Meine Ein-Frau-Familie ist also etwas unkonventionell. Das macht nichts. Wir lieben uns trotzdem. Auch wenn es oft schwer ist. Ich vermisse die kleinen Racker häufig.

Oft frage ich mich, wo sich die Kleinen herum treiben. Jede Mutter fragt sich das. Letztendlich sind wir auch nur eine ganz normale Familie. Ich habe keine Angst davor, dass uns Menschen beschimpfen, nur weil wir anders sind. Denn dann wird die Twittergemeinde mich verteidigen. Man kann nicht einfach Leute im Internet angreifen, vor allem keine gesellschaftlichen Randgruppen wie Ein-Erwachsenen-Familien.
Die einzige Randgruppe, die man haltlos beleidigen kann, ohne, dass es einen eigenen Hashtag dazu gibt, sind die Dummen. Da bleibt es still in der Digitaldisco. Da fühlt sich keiner auf den Schlips getreten. Die Dummen leisten eh die klügste Lobbyarbeit der Bundesrepublik. Ganz ohne Onlinepetitionen setzen sie ihre Interessen durch. Es ist fast unheimlich, wie geschickt sie dabei vorgehen. "Was ist noch unheimlich?", fragt sich der interessierte Leser und schaut mich wissbegierig an. Wie rührend! Ich verrate es sogleich:

Platz drei der unheimlichsten Leuten sind die, die zuhause eine Schublade mit Ersatzglühbirnen, Ersatzbatterien und Ersatzlebenspartnern haben. Solche Interdental-Bürstchen-Benutzer sind genau der Schlag Mensch, über den Nachbarn später im Fernsehen sagen,  dass sie immer nett und freundlich gewirkt haben.
Finger weg von Menschen, die Leute in Schubladen sperren und noch nie ratlos im Dunkeln standen! Schlaft lieber mit Menschen, die bei durchgebrannten Birnen hektisch nach Teelichtern suchen, da weiß man, woran man ist, und wenn nicht, kann man im Dunkeln danach tasten, und das macht Spaß.

Platz eins und zwei der unheimlichsten Menschen geht an alle Leute da draußen, die Profilbilder von Fremden auf Facebook teilen. Euch hat es irgendwann ordentlich die Synapsen verkohlt und ich werde euch NIE, wirklich NIEMALS zur goldenen Hochzeit meiner Eltern einladen.

Zurück zu meiner kleinen Familie. Dieser Blogpost ist eine Aufforderung an die Leitmedien und Rabatt-Entscheider Deutschlands, auch uns zu berücksichtigen. Auch ungezeugte Kinder wollen umsonst in der Bahn mitfahren! Beziehungsweise, natürlich wollen sie das nicht, niemand will freiwillig mit der Bahn fahren, außer vielleicht die mit den Ersatz-Glühbirnen. "Die Bahn", murmelt der Ersatz-Glühbirnen-Besitzer, "die mag ich. In der Bahn kann man reservieren. Reservieren ist schön."

Familienfoto vom Strandausflug (Familie nicht im Bild)