Sonntag, 14. Februar 2016

Tagebuch 2

Meine Tagebuch-Einträge erscheinen sehr unregelmäßig. An guten Tagen schreibe ich nicht, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, skeptisch zu sein. Im Gegensatz zum Glück ist das Unglück ja verlässlich und tritt brav ein, wenn man sich lang genug darauf konzentriert. Auch die sehr unglücklichen Tage notiere ich nicht,  denn an sehr unglücklichen Tagen liege ich lieber im Bett und überprüfe, ob ich gerade einen Tinnitus habe. Wenn ich keinen habe, bilde ich mir das nervtötende Piepen einfach ein. Das klappt ganz prima.

 Heute ist Sonntag, das war letzte Woche auch schon so, und in meinen Kopf klang dieser Satz deutlich poetischer als er sich liest.
In knapp zwei Wochen erscheint mein Buch. Ich habe sehr große Angst davor und fühle mich furchtbar. Dann lese ich wieder einen Artikel über die Flüchtlingswelle und fühle mich furchtbar, weil ich mich furchtbar fühle, obwohl keine durchgeknallten Bürger meine Bleibe anzünden. Meine Ur-Oma hat immer gesagt "Denk an die Negerlein", aber das sagt sie jetzt nicht mehr, denn es ist grob rassistisch und hilft einem kein bisschen. Außerdem ist sie längst verstorben.

Die Geflüchteten tun mir Leid. Deutschland ist irritierend. Kaum kommen sie hier an, heißt es: Entweder du kochst in einer ARD-Alpha-Show ein traditionelles Gericht aus deiner Heimat oder wir fackeln dein Haus ab. Flüchtlinge werden entweder auf Refugee-Welcome-Partys in gammeligen Berliner Clubs geschleppt, oder allesamt als Frauenhasser beschimpft. Für Syrer muss Deutschland eine einzige Freakshow sein.

Die letzte Woche war schön, denn Freunde haben mich besucht. Freunde, das sind die, die Fotos von einem auf dem Handy haben, für die man schnell seinen Job verlieren würde. Freunde haben zottelige Haare, bleiben viel länger als angekündigt, fressen einem den Kühlschrank leer, und wenn sie wieder weg sind, ist man traurig. Ich habe nur drei davon, viel mehr kann ich mir nicht leisten, denn Freunde nehmen Zeit in Anspruch, und Zeit ist Geld, und von Geld kann man sich im Gegensatz zu Freunden herrliche Dinge kaufen.
Für euch war das mein Wochenrückblick, für mich war es eine Schreibübung, scrollt weiter, das war es schon, hier gibt es nichts zu sehen.

Das schöne an Sex: wenn man ihn nicht hat, kann man das Wort immer noch groß auf eine Parkbank schreiben oder als Klickgarant nutzen.