Montag, 11. Juli 2016

Besuch vom Tod

Heute morgen um sieben saß der Tod bei mir. Auf meinem Bürostuhl.
Er saß da nicht still, sondern drehte sich auf dem Stuhl in einer Höllengeschwindigkeit um sich selbst. Dabei rief er: "Hui!"
Klingt nicht nach Tod, war er aber. Man erkennt ja den Tod, wenn er da ist. Ich sagte auch "hui", irgendwas muss man ja sagen, wenn der Tod plötzlich auftaucht.
Und es war ganz eindeutig der Tod: Kantiger Schädel, zerfetztes Kleidchen, und die Sense zischte beim Drehen durch die Luft. Ich war genervt. Sieben Uhr morgens. Das ist nun wirklich zu früh für den Tod.
Ich mag den Tod nicht. Das ist etwas Persönliches. Der Tod ist ein bisschen wie die Angelina aus der 7b: Nimmt mir die Menschen weg, die ich liebe, sieht scheiße aus und hält sich für besser als der Rest.
Ich ignorierte ihn also erstmal. Ging erstmal in die Küche und überlegte, wie ich ihn loswerden konnte. Erstmal was Gesundes. Ich schmiss ein paar Bananen und so Superfood-Beeren aus Südamerika in den Mixer.
Aus meinem Zimmer hörte ich den Tod kichern. Weil er sich von meinem Smoothie nicht rauswerfen ließ, bot ich ihm auch ein Glas an. Gast ist Gast.
Der Tod freute sich über den Smoothie.
"Hmm, lecker, ooh, mit Goji-Beeren!!"
Mit beiden Händen hielt das Glas, wie ein Dreijähriger, und ähnlich viel kleckerte er auch, weil der Saft natürlich einfach durch das Skelett auf den Boden patschte.
"Oh", sagte der Tod und guckte schuldbewusst.
"Macht nix", sagte ich. Was soll man auch sonst sagen.

Der Tod fing an zu jammern, das Stuhldrehen würde ihm jetzt gar keinen Spaß mehr machen, immer mache er irgendwas kaputt, und dann seien alle traurig, und der Boden hier, das sei doch sicher Echtholz, da verziehe sich bestimmt gleich alles von so einem Smoothie, was so ein Schaden wohl koste, und dass er mir das "auf jeden Fall" ersetzen würde.

"Ist nur Laminat", sagte ich. Der Tod sah mich hoffnungsvoll an.
Dann erklärte er mir, er sei heute eh nur auf Besuch, war gerade in der Gegend, zwei Häuser weiter sei ja das Kreiskrankenhaus, da dachte er mal, er schaue auf einen Sprung vorbei. Um mich an die "wichtigen" Dinge zu erinnern. Er versucht, das "wichtige" sehr ernst zu betonen.

"Ok", sagte ich, und was denn so wichtig sei.
Der Tod zuckt die Schultern, das wisse er nun wirklich nicht, mit Leben kenne er sich nur so mittelgut aus, meistens reiche einfach seine Anwesenheit, und plötzlich wisse man, was wirklich wichtig ist. Ihm persönlich bereite Einradfahren und "für Freunde kochen" viel Spaß, aber da sei ja jeder anders.

"Aha", sage ich.
"Und?", sagt der Tod.
"Was?"
"Weißt du es schon?"
"Ne"
"Jetzt?"
"Ne."
"Jetzt??"
"Jetzt lass mich doch mal zwei Minuten nachdenken"

Der Tod nickte unwillig und fragte, ob er solange wenigstens fernsehen dürfe. Die Wiederholung vom Spiel gestern. Ich schmiss ihm die Fernbedienung zu. Der Tod ist ein beschissener Fänger, das Ding flog gegen das Smoothieglas, tausend Scherben, und schon heulte er wieder.

Ich versuchte, ihn zu trösten, klopfte ihm auf die knochige Schulter, strich ihm über das kahle Köpfchen, aber er kriegte sich kaum noch ein.
"Immer ich, wieso passiert mir das immer?"
Ich wusste es nicht, sonst passiert mir immer alles, ich hob den Tod hoch, ganz leicht war er, und stopfte ihn in mein Bett.
Da liegt er jetzt, ich lasse ihn schlafen, sitze solange im Wohnzimmer. Ich habe ihm versprochen, ihn gegen fünf zu wecken, da muss er weiter, an irgendeine Autobahnkreuzung, zwei Anhalter mitnehmen.

"Ich bin immer bei dir", flüstert der Tod leise, und dann noch leiser: "Also, metaphorisch, metaphorisch bin ich echt immer für dich da, wirklich" Damit unterscheidet er sich gar nicht so sehr von den meisten meiner Freunde.

(Foto: Carolin Saage)