Samstag, 26. November 2016

Macht es wie meine Gute Laune und geht

Ich bin durch ein blödes Versehen im Jahr 2016 gelandet. Eigentlich wollte ich auf eine Geburtstagsparty, aber dann hatte niemand Geburtstag, und eingeladen war ich auch nicht, und dann bin ich hier gelandet.
2016, das ist ja so ähnlich wie eine Geburtstagsparty, habe ich mir gedacht,  halt ohne Spaß und Torte, habe ich mir gedacht, aber immerhin, am Ende heulen alle und vermissen die vergangene Tage, genau wie bei guten Partys.

Es ist alles schlimm. Alles ist schlicht schlimm. Das stimmt, denn das fühle ich, und 2016 haben Gefühle recht, man nennt das dann einfach "postfaktisch".

Und das ist 2016: Man darf nichts mehr sagen, weil "sagen" jemanden verletzen könnte. Das darf man auch nicht sagen. Wenn man es doch sagt, verliert man Job und Freunde oder wird US-Präsident. Im Zweifel klingt man wie ein CSU Politiker, will auch keiner.
Die Leute sind 2016 sehr gut darin, zu Dingen zu stehen. Sie sind sehr schlecht, über Dingen zu stehen.
Man möchte niemanden mehr wählen, niemandem mehr vertrauen, mit niemandem mehr sprechen. Man tut es trotzdem, es gibt keine Alternativen. Vielleicht sind sie gerade auf der Geburtstagsparty und singen leise Happy Birthday.

Was noch geht, ist Härte. Härte und Witze über Frisuren von Politikern, das geht 2016, und umgefärbte Profilbildchen auf Facebook, tag- und terroraktuell, das geht. Man kann auch sein Essen fotografieren, man kann sogar davon leben, sein Essen zu fotografieren, aber nur wenn es mit Superfoods ist. Superfoods gehen defintiv auch. Und Hass. Hass. Hass.

Eine Gesellschaft ist dann auf dem richtigen Weg, wenn Sie sich um die kleinen Gefühle kümmern kann. Wenn sie den Luxus hat, sich über das Essen in Schulkantinen und gendergerechte Toiletten Gedanken machen zu können.
Das ist ein gutes Zeichen, für alle, auch wenn man sich persönlich noch nie von Toiletten provoziert gefühlt hat. Die Zeitungen schreiben aber, damit sei jetzt Schluss, gerade die Linke müsse wieder härter werden.
Kein Mensch brauche 37 Geschlechterbegriffe für sein Tinderprofil, es gebe wieder echte Probleme, und innerlich freut sich irgendwas Böses unter der Schädeldecke, es passiert wieder was, Nachrichten wie Netflix, keiner kann mehr wegschauen. Am Ende kommen lamentierende Texte wie dieser raus. Lustig ist das nicht.

Und irgendwo denkt eine verstörte Regierung immer noch, dass man gegen das ganze Elend nur Fotos von verklebten Lungenflügeln auf Zigarettenpackungen kleben muss. Wenn ein Land den Genuss in den Griff kriegt, kann es ja mit dem Hass nicht so schwer sein.

2016 ist voll, viel voller als eine Geburtstagsparty, so voll, dass Genuss und Zweifel und Überdenken nicht mehr rein kommen, alles gestopft voll, raus kommt auch keiner, heraus kommt gar nichts.
pfnd
Macht es wie meine gute Laune und geht.

Freitag, 4. November 2016

EINE GRUSELGESCHICHTE

Eigentlich ist das hier ein schöner Ort. Zumindest morgens. Da ist es sehr sauber hier. Draußen gibt es eine großzügige Parkanlage, viel Klee, das ist gut, viel Klee erhöht natürlich statistisch die Wahrscheinlichkeit für vierblätterigen Klee. Ein bisschen Glück können wir alle gut gebrauchen.

Am liebsten mag ich das Gelände frühmorgens. Der Park liegt still da, die Flure leer, im Winter ist es draußen noch dunkel. Drinnen nicht, drinnen ist es nie dunkel. Das Gebäude leuchtet selbst tief in der Nacht wie ein Weihnachtsbaum.

Ab und zu hört man Schreie, aber an die kann man sich gewöhnen, eigentlich klingt es wie Vogelgezwitscher, das Geschreie ist mein Vogelgezwitscher.  Wir hören doch alle gerne die Natur.

Die Schreier machen mich nicht nervös. Schlimm sind die, die nichts sagen. Dieses Gestarre. Wie Vollidioten starren hier alle. Meine Mutter, die hat auch immer nur gestarrt, ich schrieb eine eins in Deutsch, und sie starrte nur, sogar bei der Zeugnisübergabe starrte sie immer nur, super Zeugnisse waren das.

Ich hatte damals von einem russischen Experiment gelesen, in dem Strafgefangene über Wochen lang künstlich wach gehalten wurden. Am Ende schrien sie und rissen sich die Gliedmaßen aus. Schreien ist besser als starren. Noch lieber hätte ich aber gehabt, dass meine Mutter mir über den Kopf strich, aber von einem solchen Experiment hatte ich noch nie gelesen. Das lohnt sich in Kriegszeiten wahrscheinlich nicht. Wer braucht da Kopfstreicheln.

Vierzehn war ich, als ich davon las. Ich kaufte also Dosenravioli und für sie Magazine mit sportlichen Frauen auf den Covern, und Videos hatte ich ausgeliehen, alte Klassiker, für die man sonst nie Zeit hat. Bevor meine Mutter gestarrt hat, mochte sie „vom Winde verweht“ und langweilen sollte sie sich nicht. Wo sie doch so lang wach sein musste.

Zwei Tage ging alles gut. Nachts schrie ich, sprach von Bauchweh. Zweimal fuhren wir in die Klinik. Am dritten Abend entnahm man mir den Blinddarm.
Ich bat meine Mutter, bei mir zu blieben. Aber das wachhalten war auch für mich kräftezehrend.

 Ich wurde sehr müde. Das war am vierten Tag. Darüber hatte ich anfangs nicht nachgedacht. Vom Baumarkt holte ich ein Seil. Ich habe so eine kreative Ader, das hat meine Mutter immer gesagt, bevor sie angefangen hat mit dem Gestarre. Früher auch gerne gemalt und so. Mit dem Seil band ich meine Mutter an die weiße Säule im Hauseingang. Meine Mutter liebte diesen Neo-klassizistischen Krams. Wer starrt, hat wenig Kraft. Es ging ganz leicht. Sie wehrte sich kaum. Vielleicht dachte sie, es sein ein Spiel.

Dann setzte ich ihr Kopfhörer auf. Meine Mutter liebt Beethoven. Dann ging ich schlafen. Als ich aufwachte, hatte sie es geschafft, sich die Kopfhörer abzuschütteln. Ganz leise hörte man da die fünfte auf dem Parkett. Sie schrie aber nicht. Sie schlief an der Säule, den Kopf auf der Brust, an die Säule gebunden.

Mit Gaffertape hielten die Kopfhörer dann. Ich wickelte eine Decke um sie und schaffte den Fernseher vor die Säule. Dann ging ich zur Schule.

Manchmal bin ich so zerstreut. Als wäre es in meinem Kopf zu eng, so fühlt sich das an. Es klopft von innen, als müsste man ein kleines Loch in den Schädel bohren, um den Druck zu senken. Ich kann mir das Geräusch gut vorstellen, ein bisschen, wie das Geräusch von Luftmatratzen, wenn man den Stöpsel zieht.

 In der Schule dachte ich dann an andere Leute, das ist ja quasi mein Job heute. Ich übernachtete an dem Abend bei meinen Banknachbarn. Dann noch das Wochenende. Zelten im Garten. Die Sterne über Hessen. Erst am Dienstag schickten seine Eltern mich heim.

Der Gedanke an meine Mutter war da einfach zu schwach, das Signal von zu Hause aus nicht stark genug. Aber Fehler sind ja menschlich. Wir sind doch alle Menschen. Das macht uns ja auch schön, oder? Wie kleine Muttermale. Ein kleiner, vergessener Gedanke, wie ein kleines Muttermal über der Lippe.

Denn natürlich müssen Menschen trinken. Das kann man nicht einfach aufschieben, wie Gedanken. Als ich nach Hause zurückkam, hat meine Mutter dann natürlich doch geschlafen, trotz Beethoven. Sogar tiefer als sonst. Ich hab sie schlafen lassen, erst an der Säule, später habe ich sie in das Solarium im Keller geschleppt. Sie war sehr schwer.

Ich habe mich schon wieder in der Vergangenheit verloren. Ich wollte doch erzählen, wie es hier ist.

Die Schwestern in den weißen Kleidern. Die Jugendlichen mit den aufgeschnittenen Armen. Das Mädchen, dass genauso dämlich starrt wie meine Mutter damals. Alle sehe ich hier, jeden Tag. Mit manchen der Jugendlichen kann man reden, aber die meisten starren lieber, als könnten sie irgendwie mehr sehen als ich, als würden sie einfach durch einen durchsehen, als wäre man gar nicht da. Aber wir sind alle da, alle. Nicht nur die Starrer. Uns allen gehört die Welt.

Am schlimmsten sind die Mädchen. Halten sich für zerbrechlich, verkümmern vor dem Fernseher, dünn wie Papier. Dabei ist man wirklich zerbrechlich erst, wenn man zwei Wochen in einem Solarium liegt und immer noch schläft. So einen Schlaf hatte meine Mutter. Zwei Wochen, Monate, hat der gar nichts ausgemacht.

Gegen acht Uhr morgens wird es hier lauter. Da muss ich mich um die anderen kümmern. Aber nur um die, die kein weiß tragen, und keine Schlappen.

Man hört an den Schrittgeräuschen, ob da jemand kommt, um den man sich kümmern muss. Bei schmatzenden Schlappen-geräuschen grüßt man nur. Ich hasse das Schlappen-Geräusch fast so sehr wie die Starrer. Das Geräusch, die betulichen Fragen, wie es uns denn heute ginge. Dabei interessiert die das gar nicht. Das müssen die fragen.

Die Flure schweben sie auf und ab, und wenn sie mich sehen, bleiben sie kurz stehen und lächeln mich an, drücken mir Zettel in die Hand: „Guten Morgen Herr Doktor. Mal wieder Terror auf der 8c, Herr Doktor. Bei Patientin Großkranzeburg auf 8 mg erhöhen, Herr Doktor?“