Warum man nicht schreibt

Wenn man als Schriftsteller sein Geld verdient, fragen einen ständig Leute, warum man denn schreibe. Kennt man ja von Lehrern, die ständig gefragt werden, warum sie eigentlich unterrichten, statt geil auszuschlafen. Oder von Baggerführern, von denen man gerne wissen will, was eigentlich ihre Inspiration für die Baustelle auf der A99 war.

Viel interessanter finde ich, warum man nicht schreibt. Ich kenne mich gut aus mit nicht-schreiben, ich kann ganze Tage lang nicht schreiben, ehrlich gesagt schreibe ich meistens nicht. Ich bin Experte in diesem Sachgebiet. Endlich Experte!

Manchmal schreibe ich nicht, weil mich die Weltlage müde macht. Weil es mich erschöpft, wie reflexhaft auf Terroranschläge, AfD-Ausreißer, Trump-Zitate reagiert wird. Und ja, das sind halt die Mechanismen, so funktionieren Medien und das Internet, ich will da nur meist nicht mitmachen, weil meine Haltung zu den Dingen meist erschreckend unoriginell ist, und sie jemand anders teilen wird. Weil es mir manchmal einfach zu laut wird. Weil ich mitmachen nicht mag. Weil ich es für mich oft angemessener finde, nichts zu sagen. Oder weil ich mich schlicht nicht qualifiziert halte. (Und damit Recht habe)

Sehr oft schreibe ich nicht, weil es mir übel geht. Manchmal kommt ein Tag, an dem ich es schlicht nicht schaffe, aufzustehen. Und sehr oft kommt daraufhin noch so ein Tag und noch einer, manchmal geht das über Wochen, selten Monate. 
Sollte ich doch mal das Bett verlassen, dann nur um Fertiggerichte zu kaufen, oder weil in irgendwelchen Ratgebern steht, man müsse mal das Haus verlassen, Bewegung sei das einzige was hilft. Also, Bewegung und Antidepressiva und Tavor. Ich kann an solchen Tagen sehr wenig, und schreiben geht meist gar nicht oder sehr schlecht.

Diese Tage sind nicht besonders interessant, über Depression wurde genug geschrieben, und wer auch immer behauptet hat, dass man die Depression zum künstlerischen Schaffen brauche, dem wünsch ich keine. Die wünsche ich nämlich generell niemanden. Meistens vergehen diese Tage irgendwann, selbst wenn man es nicht für möglich hält, nie für möglich hält, dass man sich jemals wieder normal fühlen könne. Tut man dann aber doch. Man sollte möglichst nicht auf einen selbst hören. Man Selbst ist so oft dumm.

Manchmal schreibe ich nicht, weil ich 20 Folgen einer Vampir-Serie am Stück schauen muss. Das ist nicht meine Schuld, diese sehr schlechten US-Serien sind so geschickt geplottet, dass man schlicht nicht vor Staffelende aufhören kann, und nach Staffelende muss man wissen, wie es in der neuen Staffel weitergeht. Mindestens zwei meiner Romane werden aufgrund des Cliffhangers nie geschrieben werden. Weil ich rausfinden muss, ob es Hybride aus Werwölfen und Vampiren gibt, und ob die Alte jetzt den Freund von ihrer Mutter küsst oder nicht. Das ist wichtig. Das ist der dritte Grund. Faulheit ist ein mächtiger Gegner, verbündet mit Netflix quasi unbesiegbar. Dagegen helfen nur Deadlines und schlechtes Gewissen. 

Oft schreibe ich nicht, weil ich nicht dafür bezahlt werde und schreiben nicht mein Hobby ist. Mein Hobbys sind andere Sachen: Gitarre spielen und singen. Dem Mann den ich liebe etwas zu oft mitteilen, wie sehr ich ihn liebe. Spaghetti mit Öl und Knoblauch kochen. Rumliegen. Meinen Nachbarn versprechen, dass ich bald wieder aufhöre mit dem Gitarre spielen singen. Chatten. Bücher lesen. Kram halt, der mehr Spaß macht als schreiben. 

Am meisten schreibe ich wahrscheinlich nicht, weil mir die Komplexe und der Selbsthass dabei im Weg herumstehen. Weil es leichter ist, sich einzureden, man könne eh nichts, als es zu versuchen und dann erst zu scheitern. Weil ich mich drohend an böse Kommentare und Shitstorms erinnere, und alle netten Zuschriften verdränge. Weil mir alle meine Texte dann vage, nicht komisch, unwichtig, nervig vorkommen, und ich der Welt nicht noch mehr von diesem Scheiß zumuten möchte. Dann folgt meist der immer gleiche Tanz zwischen Verpflichtung und Sträuben, zwischen Trotz und Komplex, bis ich dann irgendwann zusammenreiße, und den Lesern doch noch einen Text mehr zumute. So übel sind die ja nun auch nicht. Das war der vierte Grund.

Und manchmal mache ich Urlaub.

Oft schreib ich nicht, weil ich mich besten Freundinnen auf dem Küchenboden betrinken muss.




Kommentare

  1. Es ist, glaube ich, schon viel zu viel darüber geschrieben worden, warum ein ein Schriftsteller nicht schreibt. Eigentlich ist jedes Thema interessanter als gerade das nicht schreiben.
    Ich wünsche also sonniges Gemüt und Funken sprühende Inspirationen.

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  2. Ich schreibe manchmal nicht, weil ich lieber von anderen lese, die drüber schreiben, warum sie oft nicht schreiben.

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    1. From the ICE age to the dole age ... good moves, and please share a song sometime soon (duet with your Maja,

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  3. You´re back :-)
    Gratuliere zur Überwindung Ihres "Funk". Ich überlegte gerade, ob es gut ist, wenn ich Ihnen schreibe, weil Leute wie ich vermutlich der Auslöser waren, aber da draußen werden Sie nicht
    darum herumkommen, sich damit auseinanderzusetzen.
    Darum, Grüße von der anderen Seite.
    p.S.: Die "Psy-Changeling"-Reihe finde ich sehr inspierierend zur momentanen Lage.

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  4. ohne worte / ohne schweigen / sag die wahrheit
    ...
    sagte mein zen-meister selig :))

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  5. Hey Ronja, falls es dir hilft, ich hatte vor 15 Jahren auchmal ne lange zeitlang die Seelenpest mit Tavor und anderen Helfern. Und manche Sachen werden eben doch leichter erträglich, wenn man älter wird. Zudem ist Melancholikern Intelligenz und Hingabe gegeben, und ständig La Paloma pfeifen wäre mit deren Charakter meist gar nicht vereinbar. Ich finds super ,dass du so offen drüber redest.
    Alles Gute und EINFACH MACHEN!

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  6. Endlich letztgültige Sicherheiten: die Welt ist - das ist festgestellt - als ihr in die Unendlichkeit verlängerter Weltuntergang.

    Aus dem Ruder laufende Künstler umrunden gebannt diesen Sog einer tyrannisch wirklichen Wirklichkeit. Ich und kein Ende: in kuscheliger Depression glücklich vereinzelt gebärt die tragiklose Ödipeia sich selbst aus der Vereinigung mit sich selber.

    Die Welt ist - die Kunst also armselig befreit von Aufgabe und Experiment. Ängstliche Wehleidigkeit unter einer stickigen Bettdecke - eine Komödie wie wir wissen.

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    1. "...die Komödie um der Tragödie willen..", jaja, empfehle auch immer wieder gerne B's Büchner-Preis-Rede:
      https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/thomas-bernhard/dankrede

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    2. sie leiden aber ganz gewaltig an einer art inversen tourette-syndrom, hab ich recht?

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  7. Es gibt, wie ich denke, eigentlich nur zwei Möglichkeiten für Menschen. Entweder - wie beinahe alle - zwischen den Weltdingen einer vorgegebenen Wirklichkeit verloren sein und gleichzeitig jeweils im Einzelfall in dieser Verlorenheit auch vermeintlich gerettet unter dem Schleier einer ungedachten, undenkbaren und unaussprechlichen Vermutung.

    Oder als Geist und Kunst von der durch diese bedrohten Materie angefeindet und angegriffen, nur durch Schwäche zum Schweben beflügelt und nur in der rückhaltlosen Unterwerfung unter den Kunst- bzw. Ausdruckszwang zum Atmen fähig.

    Zwei Möglichkeiten bedeutet nicht, dass es da eine Wahl gäbe. Das weiß ich nicht. Aber diese zwei Möglichkeiten, die auch zwei Wirklichkeiten sind, schließen sich, wie ich denke, gegenseitig aus. Der „Schriftsteller“, der sein Geld mit Schreiben verdient, wie der Friseur mit frisieren, gehört in die erste Kategorie. Tertium non datur.

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(Ich veröffentliche nur freundliche Kommentare. Das Sudelheft ist mein Zuhause, und ich lade selten Leute zu mir nach Hause ein, die mich mit "Ich hasse dich, deine Familie und deine Texte" begrüßen.)


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